Seinen Glauben riskieren?


Seinen Glauben riskieren?

Was gewinnen wir, wenn wir unseren Glauben im Kontext der Weltreligionen verstehen und leben?

Riskier was, Mensch! Das war 2013 das Motto der Aktion „Sieben Wochen ohne“. Es war wohl als ein Impuls gemeint, dem müde gewordenen Christsein in unseren Gemeinden einen neuen Anschub zu verpassen. Aber es ist natürlich ein problematisches Motto. Beim Überholen sollte man besser nichts riskieren. Auch im Blick auf die Gesundheit sollte man Risiken besser vermeiden. Wie ist es im Blick auf den Glauben? Soll man seinen – christlichen – Glauben durch interreligiösen Wissensdrang riskieren? Wir stehen aber gar nicht vor der Frage, ob wir unseren Glauben riskieren, eigens einer Gefahr aussetzen wollen. Nichtchristliche Religionen sind längst in den traditionell christlich geprägten Ländern Europas präsent. Hinduistische Traditionen wohl am schwächsten oder nur über esoterische Umwege, der Buddhismus eher als unterschwellige Trendreligion, am massivsten der Islam mit seinen Extremen Salafismus und Dschihad. Nicht zu vergessen eine um sich greifende säkulare Aversion gegen Kirche und Religion überhaupt! Wir kommen gar nicht umhin, uns mit Andersgläubigen wie auch mit Anhängern areligiöser Lebenskonzepte auseinanderzusetzen. Wir müssen versuchen, sie irgendwie zu verstehen und mit ihnen klar zu kommen, wenn uns an einem friedliche und gedeihlichen Zusammenleben mit ihnen liegt.

Trotzdem empfinden es Christen mitunter als ein Risiko, sich gedanklich oder gar existenziell auf eine fremde Religion einzulassen. Ist das nicht ein Verrat am christlichen Glauben? Sagt nicht Jesus im Johannes-Evangelium klipp uns klar: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zu Vater denn durch mich.“ (Joh. 14,6)? Heißt es nicht im ersten Dekalog-Gebot des Alten Testaments eindeutig: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“(Ex 20,3)? Darf ich da irgendetwas riskieren?

Will man dieser Problematik nachgehen, so muss man wohl zunächst fragen: Worin besteht die Gefahr, was könnte denn passieren? Wenn man hier tatsächlich Ängste entwickelt, ist als nächstes zu klären, welche Strategien zur Risikoverminderung es geben könnte. Hat man das durchgeprüft, stellt sich für Christen die Frage: Wie geht man eigentlich im Glauben mit dem befürchteten Risiko um? Aus der Antwort könnten sich Hinweise darauf ergeben, was man gerade als Christ / als Christin gewinnt, wenn man das Risiko einer bewussten Auseinandersetzung mit fremder Religiosität und Spiritualität eingeht. „Wer wagt, gewinnt!“

1 Worin besteht das Risiko?

Was macht interreligiöse Offenheit gefährlich und was kann passieren, wenn man sich auf sie einlässt?

1.1 Vermutete Gefährlichkeit

Was interreligiöse Offenheit für einen Christenmenschen gefährlich machen kann, hängt natürlich ganz davon ab, wie er selbst in seinem Glauben geprägt ist. Wem das Christentum eintönig, langweilig oder allzu gewohnt geworden ist, den könnte schlicht das Fremde anziehen.

a) Das Exotische einer fremden Religion kann eine gewisse Faszination ausüben: Andere Bräuche, andere Bilder, ungewohnte Vorstellungen. Einmal etwas anderes probieren: Wie schmeckt es? Will ich es in meinen inneren Haushalt integrieren?

b) Auch die Irrationalität einer fremden Religion kann etwas Provozierendes haben, gerade in einer Welt, die durch und durch rationalisiert zu sein scheint. Hierin mag die Chance esoterischer Frömmigkeit liegen, die sich nicht mehr rationaler Abstützungen bedient und überrationale Erfahrungen verspricht. Das Christentum, das protestantische zumal, scheint wenig Erfahrung anzubieten, ist teilweise zu einer intellektuellen, aber den Alltag nicht mehr prägenden Weltanschauung verkommen. Da finden religiöse Praktiken, die psychisches Wohlsein oder physische Heilung anbieten, Aufmerksamkeit.

c)Es gibt aber auch umgekehrt das Bedürfnis nach mehr Rationalität, als sie im Christentum vorhanden zu sein scheint. Keine Trinitätslehre, keine komplizierte Christologie, keine Erlösungsvorstellung, die mit Blut, Kreuz und Tod verbunden ist: Dadurch empfehlen sich Islam1 und Judentum. In der Tat scheinen der Islam und in gewisser Weise auch das Judentum einer schlichten Rationalität stärker zu entsprechen als der christliche Glaube, der, der sich ständig mit inneren und äußeren Widersprüchen auseinandersetzen muss. Sehnsucht nach einer „einfachen“ Religion, kein kompliziertes Dogma! Das scheint – in wiederum anderer Hinsicht das Angebot des Buddhismus zu sein: Kein Gott, den man sich als „Vater im Himmel“ vorstellen muss, überhaupt keine Gottesvorstellung, aber konkrete Vorschläge, wie man ein glücklicheres Leben führen könnte.2 Aus dieser Sicht kommen Fixierungen des Christentums in den Blick, die für heutige Menschen nur schwer nachvollziehbar sind. Aber auch dazu gibt es wieder ein Gegenmodell, das für manche Menschen attraktiv ist: Ganzhingabe, wirklich radikal sein dürfen in der Lebensführung, bis hin zu Selbstaufgabe und Märtyrertod im Dschihad: die Einladung des Islam, – wenn auch nicht im Sinn von Selbstmordattentaten, die andere mit in den Tod reißen, aber doch das das Ideal des Opfers, der Selbsthingabe, wie es bei Gestalten begegnet, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt werden.

1.2 Was kann passieren?

Was kann passieren, wenn man in interreligiöser Neugier einem dieser für manche Christen verlockenden Denk-und Verhaltensangebote öffnet?

a) Geht es nur um Information, um Erweiterung des religiösen Horizonts, passiert vermutlich erst einmal gar nichts. Man nimmt zur Kenntnis, was es alles gibt, freut sich an der Vielfalt, erschrickt auch angesichts von manchen Absurditäten, und ordnet sein religiöses Weltbild neu. Dann stellt auch aber auch die Frage, was von den hier begegnenden Denk- und Verhaltensvorschlägen könnte für mich relevant, passend, weiterführend sein. Kann, soll ich das eine oder andere in mein künftiges Denken und Verhalten übernehmen?

b) In der Regel wird es nicht gleich zur Konversion kommen, aber einzelne Aspekte einer fremden Religiosität lassen sich vielleicht in ein christliches Glaubensgefüge übernehmen? Nicht wenige Christen haben sich auf buddhistische Meditation eingelassen, zumal sich hier eine gewisse Nähe zu mystischen Ansätzen in unserer eigenen Tradition zeigt. Andere liebäugeln mit hinduistischen Reinkarnationsvorstellungen. Man übernimmt einzelne Aussagen aus anderen Religionen: Die von vielen Theologen gescholtene Patchwork – oder Cafeteria-Religiostät entsteht. Erodieren damit bereits die Grundfesten des Christentums? Es muss nicht so sein. Aber eine gewisse Relativierung der eigenen Sicht dürfte sich dabei einstellen.

c) Nun kann sich eine dreifache Verzweigung der Wege abzeichnen. Der Christ, der sich der Vielfalt der Religionen öffnet, beginnt diese zu bejahen, und plädiert für einen religiösen Pluralismus. Er findet an allen Religionen etwas Positives, erkennt ihren Wert an und vertritt eine pluralistische Sicht, in die er sein Verständnis des christlichen Glaubens einzeichnet.3 Gerade die ernsthaft Suchenden aber – das ist die Alternative – werden sich damit nicht zufrieden geben und überlegen, ob sie nun bei ihrem angestammten Christentum bleiben wollen oder tatsächlich den formalen Schritt einer Konversion wagen sollen. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, dass jemand, der nun die Vielfalt der Religionen ansatzweise überblickt und sich vielleicht auch der Scheußlichkeiten bewusst wird, die sie mehr oder minder alle zu bieten haben, gänzlich von der Religion abwendet, religiös indifferent wird oder sich für einen areligiösen Humanismus engagiert.

Sich auf fremde Religionen einzulassen, ist tatsächlich gefährlich. Es kann da eine Entwicklung in Gang kommen, die infolge ihres Eigengefälles kaum noch zu bremsen ist. Aus diesem Grund gibt es eine Reihe von Strategien, die das damit gegebene Risiko ausschließen oder doch reduzieren sollen.

2 Risiko-Abwehrstrategien

Es kann im Interesse einzelner Menschen oder auch ganzer Gruppen liegen, solche Abwehrstrategien zu entwickeln.

2.1 Fundamentalismus

Die primitivste und leider wirkungsvollste Abwehrstrategie gegen die Einflussnahme fremder Religionen auf den eigenen Glauben ist der Fundamentalismus. Man nimmt die Herausforderung durch eine fremde Religion schlicht nicht zur Kenntnis. Man schottet sich auch äußerlich ab. Man vermeidet die Berührung mit dem, was einem fremd ist. Dieser Weg ist in einer pluralistischen Gesellschaft kaum durchzuhalten. Selbst wenn man nie mit einem bekennenden Muslim oder einem überzeugten Buddhisten direkten Kontakt hat, allein über die Medien, Funk, Fernsehen und Internet ist die einen infrage stellende fremde Anschauung präsent. Nur totalitäre Systeme wie Nordkorea oder China und einzelne sich religiös abschottende Länder wie Saudiarabien können religiöse Einflüsse von außerhalb ihrer selbst einigermaßen fernhalten. Global hat das keine Zukunft. Aber auch intern betrachtet: Man kann nichts lernen. Man ist zur Stagnation verdammt. Man muss ewig in die alten Fundamente zurückschlüpfen und kann nicht auf ihnen aufbauen. Schließlich hat das auch gesellschaftliche Folgen. Man isoliert sich, kann nicht zum Gemeinwohl und zu einem gedeihlichen Zusammenleben beitragen.

2.2 Dezisionismus

Eine dem Fundamentalismus verwandte Abwehrstrategie ist der Dezisionismus: Man beharrt einfach auf seiner Entscheidung. Man sieht zwar, dass es andere Optionen gibt, kann aber nicht begründen, warum man auf der einmal gegebenen Tradition, bei der einmal getroffenen Entscheidung bleibt – man bleibt eben dabei. Das mag ein Unbehagen auslösen, aber man erträgt das. Vielleicht ist es möglich, an der eigenen Sicht kleine Korrekturen vorzunehmen oder kleine Ergänzungen zu integrieren, aber im Grunde darf sich nichts ändern. Eine geringfügige Lernfähigkeit ist nicht auszuschließen. Doch was dieser Strategie fehlt, das ist die Kommunikabilität: Die einmal gewählte Sicht kann sich nicht vermitteln. Warum sollte jemand, der aus einer anderen Sicht kommt, dieselbe Entscheidung treffen? Der Dezisionismus hat keine Ausstrahlung. Er kann nur dekretieren oder manipulieren. Beides ist aus christlicher Sicht unzureichend.

2.3 Apologetik

Will man sich nichtchristlichen religiösen oder auch areligiösen Auffassungen öffnen und das damit gegebene Risiko bewusst eingehen, so bedarf es der Apologetik. Apologetik wird übersetzt mit „Verteidigung“. Hat es das Christentum nötig, verteidigt zu werden? Der Fundamentalist und der Dezisionist werden das bestreiten. „apologia“, das Wort, von dem sich der Begriff Apologetik herleitet, meint aber ursprünglich eher die „Rechenschaft“, die Christen geben sollen „von der Hoffnung, die in euch ist“ (1 Petr 3,15). Es geht also weniger um „Selbstverteidigung“, als darum, Rede und Antwort zu stehen. In diesem Sinn waren die ersten christlichen Theologen „Apologeten“ des Christentums gegenüber dem Heidentum. Unter den Bedingungen der Gegenwart heißt Apologetik: Sich mit nichtchristlichen oder areligiösen Auffassungen auseinandersetzen. Dazu sind mehrere Modelle denkbar:

a) Das „auch wir“ Argument: In der religiösen Auseinandersetzung kann man natürlich in vieler Hinsicht argumentieren: Bei uns ist das ganz ähnlich; auch wir haben diese oder jene Einsicht. Das gilt heute insbesondere im Blick auf die Mystik und Meditation: Auch wir Christen haben Mystiker zu nennen, auch wir kennen die Meditation; wir haben z.B. das Herzensgebet, das sich in vielfach der Hinsicht mit dem islamischen dhikr, dem „Gottes-Gedenken“, oder mit dem buddhistischen, unendlich wiederholbaren namu Amida butsu – „Verehrung dem Buddha Amida“ – oder mit hinduistischen Mantras vergleichen lässt. Anderes Beispiel: Auch wir haben die Goldene Regel, die sich in der einen oder anderen Religionen findet: Was du nicht willst, dass man dir tu, das für auch keinem andern zu. Das große Argument Hans Küngs für den Frieden unter den Religionen und den Weltfrieden überhaupt.4 Das ist alles nicht unwichtig. Doch bleiben bei näherem Zusehen die Unterschiede groß, weil Kontexte und Begründungen differieren, und formale Ähnlichkeiten allein führen noch nicht zu inhaltlicher Gemeinsamkeit oder gar faktischer Gemeinschaft.

b) Ein ähnlich problematisches Argument ist das „Wir längst“: Was andere an Einsichten haben mögen, das haben „wir längst“. Das war ein Denkmodell schon in der Alten Kirche: „Was nun bei allen an Gutem gesagt wird, das gehört (in Wahrheit) uns, den Christen“.5 Plato habe ja nur bei Mose abgeschrieben; oder, auf heutige Argumentationen bezogen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – woher kommt es? Bereits Paulus sagt (Gal 3,28): „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Knecht noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau (…)“. So zu argumentieren, ist nicht falsch, und das Christentum hat – auf dem Weg über die Idee des allgemeinen Priestertums oder die Haltung puritanischer Dissenters noch vor der Französischen Revolution vielerlei zur Entstehung der Menschenrechte beigetragen, aber es gab seitens der Kirchen eben auch erhebliche Widerstände dagegen. Deswegen bleibt das ein problematisches Argument.

c) Kann man sich den Wahrheitsanspruch fremder Religionen dadurch vom Leib halten, dass man das Christentum als ein Weltanschauungssystem versteht, das, verglichen mit anderen Ansätzen, das umfassendste Gottes- und Weltverständnis hat? Eine Religion, die am oberen Ende der Religionsgeschichte steht und deswegen einen Absolutheitsanspruch erheben kann? Nirgendwo in der Religionsgeschichte begegnet man einer Theologie, die so differenziert, ausgereift, so anpassungsfähig und zugleich in sich stabil ist wie die christliche. Das mag zwar aus westlicher Perspektive so aussehen. Das Bild verändert sich jedoch, wenn man Kategorien des östlichen Denkens und anderer sprachlicher Voraussetzungen zugrunde legt. Zudem ist intellektuelle Raffinesse kein Schutzwall gegen existenzielle Erfahrungseinbrüche.

d) Schließlich kann man auch keine moralische Überlegenheit des Christentums postulieren wollen: Das Christentum darf mit Recht als Religion der Liebe und des sozialen Engagements bezeichnet werden. Was die christliche Botschaft über Liebe und speziell Nächstenliebe, über Liebe in Verbindung mit Glaube und Hoffnung zu sagen hat, kann und soll sich hören lassen. Aber im Lauf der Geschichte haben einzelne Christen und ganze Kirchen diese Botschaft durch konkretes Versagen und den vielfältigen Einsatz von Gewalt und Unterdrückung desavouiert. Zudem kennen auch andere Religionen die Liebe, die hinduistische Bhakti-Frömmigkeit oder die buddhistische metta, die sich nicht nur auf Menschen, sondern auf alle Wesen bezieht. Im Koran taucht das Wort „Liebe“ zwar kaum auf, aber alle Suren außer der neunten beginnen „Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen.“ Das Liebesgebot selbst, sogar in seiner doppelten Zuspitzung auf Gott und den Nächsten, stammt bekanntlich aus der Hebräischen Bibel.

Wenn einem Christen / einer Christin nichtchristliche Religionen durch Exotik und Faszination, durch Irrationalität oder Rationalität tatsächlich gefährlich werden können und wenn es keine erfolgversprechende Strategie gibt, dieses Risiko zu vermindern oder gar zu vermeiden, dann stellt sich die Frage, wie man denn im Glauben mit diesem Risiko umgehen soll.

3 Umgang mit dem Risiko im Glauben

Angesichts der Präsenz nichtchristlicher oder areligiöser Auffassungen in unserem Umfeld ist das Risiko, das in der Begegnung mit ihnen besteht, nicht zu vermeiden. Gerade glaubende und praktizierende Christen haben aber vielleicht auch gar nicht das Bedürfnis, diesem Risiko auszuweichen. Das hängt mit unserer jeweiligen psychosomatischen Kondition zusammen: Manche Menschen suchen die Sicherheit und klammern sich daher an die Tradition, andere streben nach draußen, sind neugierig und wollen Neues erfahren; Fritz Riemann hat ein Grundschema solcher typischer Verhaltensmuster skizziert.6 Dem entspricht, dass es risikoscheue, aber auch risikofreudige Christen gibt. Die Neugierigen, Risikofreudigen gehen von sich aus auf Gläubige anderer Religionen wie auch auf agnostisch Gestimmte oder Atheisten zu. Welche Haltung ist aus christlicher Sicht sachgemäß?

Ich habe im Vorwort zu meiner Dogmatik „im Kontext der Weltreligionen“ behauptet, „dass Glaube riskiert sein will“.7 Es gelte, den Glauben bewusst dem Risiko seiner Widerlegbarkeit auszusetzen. Man kann das tatsächlich ruhig riskieren, weil man selbst – seinen Glauben gar nicht riskieren kann: Er ist nämlich nicht unser Besitz, den wegzugeben ich riskieren könnte. Er ist eine Gnade, ein Geschenk, eine uns anvertraute Beziehung, die ihre Kraft und Gültigkeit nicht darin hat, dass wir sie aufrecht erhalten, sondern dass Gott uns treu bleibt. In der Gewissheit nicht unserer Glaubensstärke, sondern der Treue Gottes können wir etwas wagen, uns trauen, es riskieren, uns auf fremde Auffassungen einzulassen und zu fragen, wie wir mit ihnen umgehen sollen und dürfen. Als Christen und Christinnen vertrauen wir dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat; wir werden die Menschen mit ihren unterschiedlichen Religionen und Auffassungen aus Gottes schaffendem und erhaltendem Walten nicht ausschließen wollen. Ihnen allen, uns allen gilt in Jesus Christus sein Erbarmen und im Heiligen Geist seine Aufmerksamkeit und seine Leben fördernde Zuwendung. Dieses Vertrauen können und sollen wir durchdenken im Blick auf unseren Umgang mit anderen Auffassungen und dann die sachgemäßen Konsequenzen daraus ziehen. Dabei zeigt sich dreierlei: Gottes verborgenes Walten in den, mit den Religionen und auch jenseits aller Religionen.

3.1 Gottes Walten in den Religionen

Die Schreiber der biblischen Texte kannten nicht die Kommunikationsmöglichkeiten der globalisierten Welt. Sie warnten in der Regel vor dem Fremden. Aber sie ahnten etwas von der alle Menschen umfassenden Größe und Liebe Gottes. Der Blick des Propheten Jona reichte immerhin bis Ninive, und er ließ sich von Gott fragen: „Sollte mich nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als 120 000 Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“ (Jona 4,11). Sie tun Buße, ohne deswegen gleich gläubige Juden zu werden, und Gott lässt das Unglück an ihnen vorüber gehen. Eine Andeutung, die sich aber aus unserem Glauben von selbst ergibt: Gott waltet auch in den uns fremden Religionen und Auffassungen. Durch sie hat er unendlich vielen Menschen Orientierung und Halt verschafft. Durch den Koran hat er das Leben von Millionen geordnet, durch die Bhagavadgita Millionen von Menschen eine innere Ausrichtung gegeben. Wo immer Menschen, durch welche Religion auch immer, von Hass und Krieg abgehalten wurden, sich zu Liebe und Barmherzigkeit haben hinziehen lassen, wo sie angesichts von Leid und Tod Trost gefunden haben, da lag das in dem, was unser Gott für uns Menschen alle will. Dass es auf Wegen sich vollzieht, die wir nicht kennen oder gar für falsch halten, macht die Verborgenheit seines Waltens aus. Aber es ändert nichts an dem Faktum selbst.

3.2 Gottes Walten mit den Religionen

Auch zum Walten Gottes mit den Religionen macht die Bibel nur Andeutungen. Der Prophet (Deutero-)Jesaja sieht die geschichtlichen Ereignisse und Entwicklungen seiner Zeit in Gottes Hand. Er hört Gott zu dem persischen König Kyros sagen: „Mein Hirte!“ Kyros soll Gottes „Willen vollenden“ und die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel beenden (Jes 44,28). Auch Jesaja weiß, dass Gott ein verborgener Gott ist (Jes 45,15). Über der historischen Katastrophe erkennt Israel, dass sein Gott es ist, der die Welt – und damit auch die Religionsgeschichte – bestimmt. Die Entstehung des Christentums setzt die Geschichte des hebräischen Gottesglaubens voraus, aber dieser wiederum hat ebenfalls religionsgeschichtliche Voraussetzungen in der Religionsgeschichte des Vorderen Orients, ja in vorgeschichtlicher Religiosität. Was sollte den Glaubenden abhalten, auch Säkularisation, Areligiosität und Atheismus mit Gottes verborgenem Walten in Verbindung zu bringen? Dafür, dass geschichtliche Vorgänge Auswirkungen auf die Religions-, ja auf die Kirchengeschichte haben, gibt es Beispiele: Etwa zur gleichen Zeit wie Völkerbund und UNO entstand die Sehnsucht nach der Einheit der weltweiten Kirche; die ökumenische Bewegung kam in die Gänge. Oder, um die interreligiöse Problematik anzusprechen: Luther hat die Bedrohung des Abendlandes durch die Türken als Strafe Gottes für die lahm gewordene Christenheit interpretiert. Das würden wir heute sicher nicht tun. Aber hat nicht die Präsenz muslimischer Kinder, denen das Gebet eine Selbstverständlichkeit ist, in den Kindertagesstätten und Schulen Auswirkungen auf unsere zum Teil getauften, aber weithin areligiös sozialisierten Kinder? Gott kann mithilfe von Religionen an anderen Religionen handeln!

3.3 Gottes Walten jenseits der Religionen

Dass Gottes Walten Schöpfung und Geschichte bestimmt, ist für Glaubende angesichts von Shoah, Naturkatastrophen und entsetzlichen Kriegen schwer nachvollziehbar. Trotzdem lassen wir uns von einem Psalmdichter auffordern: „Kommt her und schauet die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, der den Kriegen steuert in aller Welt (…)“ (Ps 46,9f). Weniger vertraut ist uns die Vorstellung, dass auch die Religionsgeschichte von diesem verborgenen Walten Gottes betroffen ist. Sie gehört hinein in die Prozesse, die mit der Schöpfung, mit dem „Urknall“, mit dem Beginn der Selbstorganisation der Materie begonnen haben. Mit diesen Überlegungen wendet sich die Frage nach dem Umgang mit nichtchristlichen oder areligiösen Auffassungen wieder uns persönlich zu. Welche Folgen hat es, wenn wir es angesichts dieser umfassenden Erwartungen an das Walten Gottes riskieren, uns der Herausforderung durch uns fremde Vorstellungen zu öffnen? Wie haben wir dabei vorzugehen? Was haben wir dabei zu beachten? Worin könnte der Gewinn liegen, wenn wir es tatsächlich wagen, mit einem Buddhisten über das Nirwana oder mit einem Muslim über den Koran zu reden?

4 Leben und Denken im Risiko des Dialogs

Interreligiöser Dialog vollzieht sich heute nicht primär im Austausch von Lehrmeinungen und dogmatischen Konzepten. Seine Basis ist vielmehr die interreligiöse Konvivenz. Aus der Konvivenz, die dem Dialog sein Profil gibt, erwachsen die Chancen, die er bereithält.

4.1 Interreligiöse Konvivenz

„Konvivenz“, ein aus dem lateinamerikanischen Kontext übernommener und vor allem von Theo Sundermeier stark protegierter Begriff8, meint das selbstverständliche Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Auffassungen. Nicht überall führt Konvivenz zum interreligiösen Dialog. Insbesondere in islamischen Ländern, sogar in Ägypten, wo eine vergleichsweise große Minderheit christlicher Kopten der islamischen Mehrheit gegenüber steht, scheut man den Dialog, weil er dort die Spannungen zu erhöhen scheint. Dialog ist nicht einfach das Heilmittel für gestörte interreligiöse Beziehungen. Den Dialog zu riskieren, kann unter Umständen zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Mord und Totschlag führen. Konvivenz will gepflegt und genutzt werden. Das gilt auch für die Situation in Mitteleuropa.

Konvivenz spielt sich heute nicht nur in der Nachbarschaft ab. Unfreiwillige und unorganisierte Beiträge zur Wahrnehmung nichtchristlicher oder areligiöser Auffassungen werden uns über die Medien zugespielt, auf dem Weg über Presse, Funk und Fernsehen. Man kann solche Informationen abschalten, über sich ergehen lassen, oder sie ernst nehmen und dann weiterfragen. Über Internet, Lektüre oder spezifische Tagungen stehen vielerlei Hilfen zur Verfügung. Man wird vielleicht erst zu einem späteren Zeitpunkt auf den lokalen Kontext aufmerksam. Man riskiert es dann vielleicht einmal, in die örtliche Moschee zu gehen oder ein in der Nähe liegendes buddhistisches Zentrum aufzusuchen. Im Lauf der Zeit kann man dort möglicherweise nicht nur Gesprächspartner, sondern Freunde finden. Menschen, die sich weit in solche Bereiche vorgewagt haben, werden den Festkalender einer fremden Religion berücksichtigen: 2013 fiel der Geburtstag des Buddha auf den 17. Mai, der Ramadan begann am 9. Juli. Leichter ist es, sich an den regelmäßigen Feiertagen zu orientieren, am Samstag an den Sabbat und am Freitag an die islamischen Freitagspredigten zu denken. Man kann sich auch als Christ die Präsenz einer fremden Religion dadurch bewusst machen, dass man zum Beispiel eine Buddha-Figur oder das hinduistische Om-Zeichen in seinen Haushalt aufnimmt und für die eigene Meditation bereithält. Sollte das schon zu viel riskiert sein?

4.2 Interreligiöser Austausch

Fruchtbar kann all das werden, wenn man es in einen ausdrücklichen Austausch von Überzeugungen einbezieht. Um sich zu verständigen braucht es eben doch das Wort. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass dieser Austausch für alle Seiten, sofern sie sich darauf einlassen, bereichernd sein kann. Beim Streit um das Richtige, lese ich in einem Buch über die Philosophin Hanna Arendt, „soll kein Teilnehmer aus falsch verstandener Bescheidenheit sein Licht unter den Scheffel stellen, genauso wenig, wie er auf die anderen falsche Rücksicht nehmen soll. Erst wenn sich jeder auf diese Weise riskiert, entsteht so etwas wie Wahrheit.“9 Nun geht es Hannah Arendt um „das Richtige“, um die philosophische Wahrheit. Aber es gilt nicht weniger für die Auseinandersetzung um die existenzielle Wahrheit, die trägt. Es gibt eine konstruktive Polemik. Vielleicht wäre der Beziehung zwischen den Religionen mehr gedient, wenn sie sich stärker auf eine konstruktive Polemik einließen, wenn alle Seiten mehr Risikobereitschaft zeigen würden. Doch das widerspräche der derzeitigen political correctness.

a) Der interreligiöse Austausch kann sich polemisch und irenisch vollziehen. Bis jetzt verläuft er eher irenisch. Am leichtesten ist das am christlich-jüdischen Dialog zu sehen. Die Exegese des Neuen Testaments ist heute auf christlicher Seite nicht mehr vorstellbar ohne die intensive Wahrnehmung jüdischer Forschungsergebnisse und Perspektiven. Die buddhistische Empfehlung der Achtsamkeit hat bis in die Alltagssprache hinein unser Verhältnis zu den Dingen verändert und damit den christlichen Schöpfungsglauben präzisiert. Der Verzicht auf theistische Gottesvorstellungen, wie er jedenfalls im Theravada praktiziert wird, hat dazu beigetragen, die Fixierung des westlichen Christentums auf ein theistisches Gottesverständnis zu mindern. Buddhistische Meditationspraxis wird von vielen Christen und Christinnen als Vertiefung und Erweiterung des christlichen Gebetsverständnisses erlebt. Der Islam stellt das Christentum vor die Aufgabe zu klären, wie es das Verhältnis von Religion, Gesellschaft und Politik weiter entwickeln will. Es gibt solche Impulse durchaus auch seitens des Christentums auf nichtchristliche Religionen. Der Engaged Buddhism mit seinem sozialen Engagement, wie ihn Tich Nhat Hanh verritt10, wäre vermutlich ohne die Begegnung mit dem Christentum nicht entstanden. Wenn das Christentum in mancher Hinsicht stärker lernbereit erscheint als seine nichtchristlichen Partnerreligionen, sollte das nicht als Schwäche, sondern eher als Stärke aufgefasst werden.

b) Wie vermeidet man aber, dass aus dem Dialog eine gegenseitige Missionsveranstaltung wird? Hier sind natürlich die Regeln zu beachten, die in jedem Dialog gelten: Auf Augenhöhe, herrschaftsfrei, ergebnisoffen, um nur einige davon zu nennen. Können wir das riskieren? Müssen wir nicht auf der Wahrheit des christlichen Glaubens bestehen? Das hat zunächst eine psychologische Seite: Was, wenn ich im Dialog unterliege? Kann ich es mir leisten, mich und damit den christlichen Glauben zu blamieren? Dazu muss man sich klar machen: Die Wahrheit entscheidet sich nicht daran, wie ich sie vertrete. Auch wenn ich in einer Diskussion unterliege und sozusagen Gott schlecht vertreten habe, kann das von Gott aus gesehen eine für meinen Partner oder für mich durchaus positive Funktion haben; auch aus unseren Fehlern und Defiziten weiß Gott etwas zu machen. Im Blick auf akademische Diskussionen schlägt der Lutherische Weltbund vor, die Dialogpartenerinnen und –partner sollten „in aller Objektivität und Ehrlichkeit offen sein für den von der anderen Seite vorgetragenen Anspruch auf Wahrheit“; es bestehe „ausdrücklich die Möglichkeit, die Seite zu wechseln, wenn das Vorgetragene die Grundlagen des eigenen Glaubens erschüttert.“ Der Glaube an den dreieinen Gott fordere und ermögliche „ein vertrauensvolles Einlassen auf das Unbekannte“.11

4.3 Interreligiöse Verantwortung

Interreligiöse Konvivenz und ein entsprechender interreligiöser Austausch werden nach allem, was man heute sagen kann, nicht zu einer Welteinheitsreligion führen. Es sieht auch nicht so aus, dass eine der Weltreligionen schließlich die gesamte Menschheit erfassen könnte, auch wenn sich fundamentalistische Christen oder Muslime so vorstellen mögen. Es ist Gottes Geheimnis, warum es zur Entstehung unterschiedlicher Religionen kommen konnte und wie er damit – zum Heil der Menschen und der ganzen Schöpfung – umgehen wird. Vorerst muss es uns genug sein, Religionsfreiheit selbst in Anspruch zu nehmen und sie für alle Menschen, die an ihr interessiert sind zu sichern. Es kann nicht die Aufgabe von Christen sein, daran zu arbeiten, dass Buddhisten den Buddha vergessen und dass Muslime sich für Muhammad nicht mehr interessieren. Im Gegenteil: Wenn wir davon ausgehen, dass Gott, an den wir glauben, auch auf dem Weg über nichtchristliche Religionen Menschen, denen das Christentum aus welchen Gründen auch immer fremd ist, Perspektive und Trost verschafft, dann werden wir uns dafür einsetzen, dass sie ihre Religion in Ehren halten, dass sie die kulturellen Schätze ihrer Tradition bewahren und pflegen und dass sie einander nicht gegenseitig zu schaden versuchen. Es hätte christlichen Kirchen gut angestanden, gegen die Zerstörung der weltgrößten Buddhafiguren in Afghanisten zu protestieren, und es ist nicht abwegig, dass Christen den Bau von Moscheen auch finanziell unterstützen. Dazu eine kleine historische Reminiszenz: Der Wideraufbau der Kirche San Paolo fuori le Mura in Rom nach dem schrecklichen Brand 1823 ist mit erheblichen Mitteln des damaligen türkischen Sultans erfolgt. Die Religionen sollen und können Verantwortung für einander übernehmen.

Ein wesentlicher Teil von Verantwortung wird nach christlicher Auffassung im Gebet wahrgenommen. Selten genug wird in evangelischen Gottesdiensten für den Papst oder für katholische Institutionen gebetet. Ob es umgekehrt besser steht, entzieht sich meiner Kenntnis. Wann aber beten wir Christen für die unter uns lebenden Muslime, Hindus oder Buddhisten? Das 1986 auf Anregung von Johannes Paul II. durchgeführte Gebet in Assisi hat zu Protesten geführt; selbst der damalige Kardinal Ratzinger verhielt sich reserviert. Vorsorglich hatte der Papst schon im Vorfeld formuliert, man könne „sicher nicht zusammen beten, aber man kann zugegen sein, wenn die anderen beten.“12 Papst Franziskus ist mit seinem Gebet für Syrien einen Schritt weiter gegangen.

Angesichts von Katastrophen wie der des Tsunami 2004 oder des GAU in Fukushima rücken Menschen unterschiedlicher weltanschaulicher Prägung ohnehin zusammen, und sie fragen wohl kaum noch nach ihren religiösen Differenzen. Sie empfinden das gemeinsame Gebet nicht mehr als Risiko. Christen würden ohnehin davon ausgehen, dass es der eine Gott ist, der alles Klagen der Menschen hört, an welchen Namen und an welche Adresse es sich wendet. Alles Beten und alle Sehnsicht der Menschen kommt vor den einen Gott, dem auch das Sehnen der unerlösten Kreatur nicht fremd ist (Röm8,22f).

Inzwischen geht es nicht mehr nur darum, die eigene religiöse Überzeugung im interreligiösen Austausch zu riskieren. Es gibt Anlass genug, in Auseinandersetzung mit Agnostizismus, Atheismus und blanker Areligiosität sich zu öffnen und seinen Glauben zu wagen, sich provozieren zu lassen und auch selbst zu provozieren.

Was gewinnen wir, wenn wir unseren Glauben riskieren? Wir gewinnen mancherlei Anregungen durch die Vorstellungswelt und die Praxis anderer Religionen für unser eigenes religiöses Verhalten und Denken; manche unserer Fixierungen lösen sich auf; unser Horizont für die Weite und Tiefe des Wirkens Gottes öffnet sich. Wir gewinnen aber auch einen Eindruck von der Relativität alles unseres eigenen religiösen Fühlens und Vorstellens. Dabei kann eine innere Gewissheit heranreifen, die mehr und mehr unabhängig wird von Religion und Religiosität überhaupt. In Jesus Christus gegründetes Vertrauen ist mehr als Kirchlichkeit, christliche Religiosität oder auch Interreligiosität.13 Glaube vermittelt sich uns zwar durch religiöse Vorstellungen, aber er begründet und orientiert uns auf eine Weise, die über die religiöse Symbolwelt hinausweist und hinausreicht. Es käme darauf an zu erkennen, dass die traditionelle Gestalt allen religiösen Fühlens, Denkens und Handelns im Glauben transzendiert werden kann und muss. Auch nichtchristliche Religionen könnten entdecken, dass die letzte Instanz, auf die sie sich beziehen, ihre Traditionen und Riten unendlich übersteigt.

Es gibt also vielerlei Anlass, seinen Glauben zu riskieren – in einer doppelten Hinsicht: Es gilt, den Glauben zu riskieren in kritischer Solidarität mit der eigenen Tradition. Es darf auch ein Wort aus dem eigenen Glauben heraus riskiert werden, das Menschen anderer religiöser oder auch areligiöser Prägung provoziert und nachdenklich macht, ein gutes Wort für das Christentum, für die Kirche – auch für die evangelische oder die katholische.

Es gilt aber ebenso, den eigenen Glauben zu riskieren in der Offenheit für das Fremde, sich provozieren zu lassen durch fremde religiöse oder areligiöse Auffassungen. Das bereichert und klärt die eigene Sicht. Das Risiko bleibt. Richtig verstanden, so meinte der evangelische Missionar und Theologe Walter Freytag, hat man eine fremde Religion erst, wenn man die Versuchung verspürt, zu ihr überzutreten. Sollte es zu einer echten und vollen Konversion zu einer anderen Religion führen14, so darf auch das als der Weg verstanden werden, der für einen bestimmt ist.

Auch ohne zu konvertieren, kann man sich fragen: Welcher Religion oder Weltanschauung würde ich mich anschließen, wenn ich nicht Christ wäre? Das macht einem klar, welcher nichtchristlichen Religion oder Weltsicht man besonders viel zu verdanken hat. Vielleicht sind gerade engagierte Christen und Christinnen in der Lage und dazu herausgefordert, ihren Glauben zu riskieren, weil sie wissen, dass sie sogar eventuelle Fehlentscheidungen sich erlauben können. Luthers Rat im religiösen Tumult seiner Zeit hat bekanntlich gelautet: Sündige tapfer, aber noch tapferer vertraue, und freu dich in Christus, der die Dinge regeln wird. Riskier was, Mensch, Gott ist mit dir – du kannst dir das leisten!

Hans-Martin Barth

Erschienen in: Helmut A. Müller (Hg.), Kultur, Religion und Glauben neu denken. Von der abrahamitischen Ökumene zur Ökumene der Religionen, Berlin 2014, 17-34.

1 Vgl. dazu Haider Ali Zafar (Hg.), Glaube und Vernunft aus islamischer Perspektive. Antwort auf die Regensburger Vorlesung vom (sic) Papst Benedikt dem XVI., Frankfurt am Main 2007.

2 Vgl. z. B.Marie Mannschatz, Buddhas Anleitung zum Glücklichsein. Fünf Anweisungen, die Ihren Allatag verändern, München 2007.

3 Vgl. Perry Schmidt-Leukel, Gott ohne Grenzen. Eine christliche und pluralistische Theologie der Religionen, Gütersloh 2005.

4 Stiftung Weltethos, Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos, Tübingen Ausgabe 2009.

5 Justin, Apologie II, 13.

6 Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie, München 1961.

7 Hans-Martin Barth, Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen, Gütersloh 32008, 823.

8 Theo Sundermeier, Konvivenz als Grundstruktur ökumenischer Existenz heute, in: ders., Konvivenz und

Differenz. Studien zu einer verstehenden Missionswissenschaft, anlässlich seines 60. Geburtstages / Theo

Sundermeier. hg. v. Volker Küster, Erlangen 1995, 43-75 (Ersterscheinung: Wolfgang Huber / Dietrich Ritschl /

Theo Sundermeier, Ökumenische Existenz heute [ÖEh 1], Gütersloh 1986, 49-100).

9 Alois Prinz, Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, insel Taschenbuch 4172, 2012, 205.

10 S. Michael von Brück, Whalen Lai, Buddhismus und Christetum. Geschichte, Konfrontation, Dialog, München 1997, 560-568.

11 Mission im Kontext: Verwandlung, Versöhnung, Bevollmächtigung. Ein Beitrag des LWB zum Verständnis und Praxis der Mission, 2008 Lutherischer Weltbund, 54, mit Verweis auf die LWB – Publikation „Dialogue and Beyond“, 2003.

12 Zitiert nach: Leitlinien für das Gebet bei Treffen von Christen, Juden und Muslimen. Eine Handreichung der deutschen Bischöfe, Bonn 22008, 34. Vgl. auch Hans-Martin Barth, Common Prayer. Auf dem Weg zu einer Theologie des interreligiösen Gebets, in: Adelheid Herrmann-Pfandt (Hg.), Moderne Religionsgeschichte im Gespräch. FS für Christoph Elsas, Berlin 2010, 126-145..

13 Dazu Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013.

14 Vgl. zeitzeichen 9/2013 (Schwerpunkt Konversion) sowie Christine Lienemann-Perrin und Wolfgang Lienemann (Hg.), Religiöse Grenzüberschreitungen. Studien zu Bekehrung, Konfessions- und Religionswechsel / Crossing Religious Borders. Studies on Conversion and Religious Belonging, Wiesbaden 2012.