Gott und die Religionen


Predigt über Psalm 95,1-7 am 7. 10. 2012 in Seoul

 

Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken

Und jauchzen dem Gott unseres Heils!

Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen!

Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter.

Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein.

Denn sein ist das Meer, und er hat’s gemacht

Und seine Hände haben das Trockene bereitet.

Kommt, lasst und anbeten und knieen

und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat.

Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide

Und Schafe seiner Hand.

Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet (…).“

 

Lieber Gemeinde,

Schmetterlinge im Bauch – wann haben wir Schmetterlinge im Bauch? Wann steigt uns vor Vorfreude der Adrenalinspiegel? Wenn wir etwas Großartiges erwarten, ein freudiges Erlebnis, eine wichtige Begegnung? Vor einer Hochzeit, vor einem großen Geburtstag? Wann werden wir unruhig vor Erregung, weil uns etwas Wichtiges bevorsteht? Die Israeliten, die vor gut 2 ½ Jahrtausenden diesen Psalm sangen, waren auf dem Weg zum Tempel. Vielleicht standen sie noch in der Prozession, scharrten vor Ungeduld mit den Füßen, „kommt, lasst uns dem Herrn zujauchzen, auf, lasst uns mit Danken Ihm begegnen!“ Sie waren in Hochstimmung. Wann sind wir in solch einer erwartungsvollen Hochstimmung? Jedenfalls wohl eher selten, wenn wir uns zu einem Gottesdienst aufmachen.

Was erwarten wir heute von einem Gottesdienst? Ein bisschen Orgelmusik, wenn möglich eine gute Predigt, ein wenig Sammlung, wenn möglich ein bisschen Ermutigung für die nächste Woche, ein paar Bekannte treffen … Wie war es möglich, dass die alten Israeliten vor einem Besuch im Tempel so sehr in Hochstimmung gerieten?

In ihrem Psalm geben sie es an, aber eigentlich nicht im Sinn einer Begründung, sondern es strömt irgendwie ganz selbstverständlich aus ihnen heraus: „Der Herr ist ein großer Gott, Himmel und Erde hat er gemacht, uns selbst hat er gemacht, er ist unser Gott!“ Das könnte ja auch für uns Anlass für Dank und Jubel sein, und in manch einer charismatischen Pfingstkirche in Lateinamerika oder bei den Schwarzen in Harlem mag es ähnlich zugehen wie einst vor dem Tempel in Jerusalem: Aber wir deutschen Protestanten zumal müssen uns erst zurechtlegen, wie das mit Gott eigentlich ist und was wir denn nun zu bedenken haben. Was an unseren Gottesdiensten könnte uns in Stimmung bringen oder gar zum „Frohlocken“, wie der Psalm sagt, zum Jauchzen?

„Jauchzen“ dem „Hort unseres Heils“, „mit Danken vor sein Angesicht kommen“, Ihm begegnen, Ihm nahe sei, ihm ins Gesicht blicken, von seinem Blick erfasst werden: Das wäre es wohl. Es gibt die These, dass viele Menschen schon deswegen einen Gottesdienst nicht besuchen, weil sie so eine Begeisterung erwarten würden und wissen, dass sie da in unseren Kirchen nur enttäuscht werden können. In vielen evangelischen Gottesdiensten hat man nicht den Eindruck, dass man da dem Heiligen, dem letzten und tiefsten Geheimnis unseres Lebens begegnen könnte. Und wir können diese festliche und atemberaubende Begegnung mit Gott ja in der Tat nicht herstellen, so sehr sich Pfarrer und Pfarrerin, Kirchenvorstand oder einzelne Gemeindeglieder darum bemühen. So bleibt uns eben das Nachdenken darüber, was die Menschen damals zum Jubeln und Jauchzen gebracht hat und ob es uns anstecken könnte.

 

Gott über den Göttern – Gott und die Religionen

„Der Herr ist ein großer Gott, ein König über alle Götter“, in einem anderen Psalm heißt es: „Gott der Götter“ (Ps 50,1). Das bremst uns schon wieder ab. Es führt uns hinab in ein Frühstadium der Religionsgeschichte, in der es viele und unterschiedliche Götter gab. Wie soll man das verstehen: Unser Gott ein Gott der Götter, eine „Spitzengottheit“, Gott ein oberster Gott, wie im Olymp? Tatsächlich hat Israel eine Zeit lang gebraucht, bis es sich zwischen den verschiedenen Göttern Kanaans, Ägyptens und Mesopotamiens zurechtfand. Das lässt sich geschichtlich ziemlich klar nachzeichnen: Zuerst dachte man, Israel hat eben seinen Gott, die andern haben ihre Götter. Man nennt das in der Wissenschaftssprache Henolatrie, bis sich der Glaube durchsetzte, dass Gott nur einer sein kann und die andern Götter, zu denen sich Israeliten immer wieder verführen ließen, „Nichts“ waren – was man dann als Monotheismus bezeichnete.

Ganz wider unser Erwarten sind inzwischen auch uns zwar nicht andere Götter, aber doch andere Religionen auf den Leib gerückt. Das mag manchen verunsichern. In Karlsruhe gibt es vermutlich eine Moschee, in Marburg, wo ich zuhause bin, soll gerade eine gebaut werden; wir haben da auch ein Buddhistisches Zentrum. „Gott ist ein großer König über alle Götter“ – was soll das in unserer Situation bedeuten? „Der Herr ist ein großer Gott“, sagt der Psalm, und das sind fast dieselben Worte, die wir immer wieder von den Muslimen hören: „Allahu akbar – Gott ist groß“!? Millionen von Menschen haben im Lauf der Jahrhunderte im Islam Orientierung und Zuversicht gefunden – auf eine Weise, an der wir manches nicht richtig finden, und trotzdem hat es unendlich vielen Menschen gut getan. Gott, unser Gott, an den wir glauben, hat in seiner Barmherzigkeit auch unter ihnen Gutes gewirkt – als der Gott jenseits aller Götter. Buddha hat mit seinen Vorstellungen von Achtsamkeit und Versenkung unendlich vielen Menschen Lebenssinn vermittelt. Unser Gott, Gott jenseits aller religiösen Vorstellungen, hat ihnen in seiner Gnade Lebenshilfe gewährt. Mein Beruf hat es mit sich gebracht, dass ich in orientalischen Moscheen, in hinduistischen Tempeln und in buddhistischen Klöstern stehen und dem Gesang buddhistischer Mönche lauschen konnte – und unser Gott, Gott über alle Götter, wurde mir dabei immer größer. Dieser Gott, der auf eine uns verborgene Weise in allen Religionen der Welt waltet, begegnet uns heute in seinem Wort, in diesem Gottesdienst. „Kommt, lasst uns anbeten und niederfallen vor dem Herrn, unserm Gott!“

 

Himmel und Erde hat er gemacht – Gott und die Evolution

„In seiner Hand sind die Tiefen der Erde und die Höhen der Berge sind auch sein.“ Das ist uns nun kein fremder Gedanke. Wir bringen die Schöpfung mit Gott in Zusammenhang, und im Anblick einer Bergkette in den Alpen kommt mir unwillkürlich dieser Satz in den Sinn: „… und die Höhen der Berge sind auch sein.“ Gemeint ist das hier wohl nicht nur als Naturschauspiel, sondern auch im übertragenen Sinn: Unsere Gipfelerlebnisse und unsere tiefsten inneren Abgründe, unsere „ups“ und unsere „downs“ sind in Seiner Hand. „Sein ist das Meer und seine Hände haben das Trockene bereitet.“ Die Wendungen sind uns vertraut, aber sie kollidieren mit unseren Vorstellungen von der Entstehung der Welt. In Amerika gibt es bekanntlich verbissene Gruppen von Christen, die meinen, am Wortlaut der biblischen Schöpfungsgeschichte festhalten zu müssen gegen alle Erkenntnisse der Wissenschaft, aber sie kommen schon mit den unterschiedlichen biblischen Schöpfungsaussagen in Konflikt, zum Beispiel mit dieser hier: „seine Hände haben das Trockene bereitet“, denn nach 1. Mose 1 waren es nicht die Hände Gottes, sondern Gottes Wort. In der Bibel selbst hat man unterschiedliche einander ablösende Weltbilder benutzt, um das Wunder der Schöpfung zu preisen. Würde die Bibel erst in unseren Tagen geschrieben, so müsste selbstverständlich die Evolutionstheorie zur Beschreibung der Schöpfermacht Gottes herhalten. Gerade diese Theorie, die vielleicht auch irgendwann wieder überholt sein wird, ist für mich tatsächlich ein Anlass zu einem immer tieferen Staunen und zur Andacht. Ich habe an meinem Meditationsplatz in meinem Studierzimmer einen Kalkstein lehnen, in dem verschieden große Schnecken versteinert sind, die vor etwa 110 Millionen gelebt haben und im Jura-Meer herumgeschwommen sind. 110 Millionen Jahre. Was für eine fantastische Entwicklung hat sich seither, aber auch schon viele Jahrmillionen vorher vollzogen. Und ich mit meinem kleinen Leben gehöre in diese wunderbare Entwicklung, in dieses wunderbare Schöpfungshandeln Gottes hinein. Alles was uns umgibt, dieser Kirchenbau, das Holz der Bänke, auf denen Sie sitzen, wir selbst sind irgendwie Resultat dieses Schöpfungswaltens. „Kommt, lasst uns anbeten und niederfallen vor dem Herrn, unserm Gott!“

 

Wir das Volk seiner Weide – Gott und die Christenheit

„Er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide.“ Flaut damit die Feststimmung schon wieder ein bisschen ab – nach den großartigen Bildern von Gott über den Religionen und seinem Walten in der Evolution? Geht es jetzt ins Kleinliche und Private, das uns natürlich auch stärker vertraut ist? Man kann diese Abfolge freilich auch als Steigerung lesen oder im Sinn einer Konzentration: Der Psalm zielt von vornherein, beginnend mit den Mächten, weiterführend über die Schöpfung, auf Israel und auf uns, auf seine Gemeinde. Am Ende läuft alles darauf hinaus, was der 23. Psalm sagt: „Der Herr ist mein Hirte (…), er weidet mich auf einer grünen Aue.“ Wie es nun mit den Religionen oder mit der Evolution auch immer sein mag: Der Herr ist mein Hirte.

Es stimmt, aber es wäre doch zu kurz gegriffen. „Wir sind das Volk seiner Weide.“ Natürlich gehören wir als Einzelne zu diesem Volk. Aber „Wir“ gemeinsam sind das Volk seiner Weide! Der Psalm greift hier eine altorientalische Vorstellung auf; mit Hirtenromantik hat das nichts zu tun. Ein altorientalischer Herrscher galt als „Hirt“ seines Volkes – was für eine schöne Vorstellung angesichts von Herrschergestalten in der Gegenwart, die es zulassen, dass ihr Volk abgeschlachtet wird oder es selbst abschlachten. Auch in der Antike ist es nicht immer beim friedlichen Weiden der Bevölkerung geblieben sein; doch es war jedenfalls das Ideal: Gott lenkt sein Volk wie eine große Schafherde zur Weide. Gott sorgt dafür, dass sich die Herde nicht verläuft und verliert. Er kümmert sich darum, dass sie genug Nahrung bekommt. Er hat sie – hier wird das Bild gesprengt – sich selbst geschaffen; sie ist sein Besitz, sie gehört ihm.

Die zum Eintritt in den Tempel Versammelten freuen sich also nicht nur darüber, dass sich jeder Einzelne von ihnen der Sorge des Hirten anvertrauen darf. Sie alle miteinander sind das Volk seiner Weide. Israel hat erfasst, und die Kirche darf es erfassen: Wir sind nicht einfach eine mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelter Haufe, soziologisch erklärbar und von soziologischen Gesetzen abhängig. Sondern dass es uns gibt, verdankt sich dem Schöpfungshandeln Gottes. Es darf im Zusammenhang der Evolution verstanden werden. Es hat seinen Sinn für die Weltgeschichte. Die weltweite Christenheit hat ihre Bedeutung im Zusammenhang der von uns schwer zu erfassenden Globalisierungsprozesse. Das Fernsehen vermittelt uns Bilder von chirstlichen Kirchen in Asien und Afrika. Ich habe das Glück gehabt, von dieser weltweiten Christenheit immer wieder einen eigenen Eindruck zu gewinnen und in fernsten Gegenden entschiedene Christennmenschen kennenzulernen. Viele unserer Gemeinden haben weltweit Kontakte mit anderen Gruppierungen in der Herde Christi. Wir gehören zur Zielsetzung Gottes bei der Schöpfung. So kümmerlich es mit uns auch aussehen mag! Das heißt für unsere Situation konkret: Wenn wir auch wirklich zu beklagen haben, dass es mit dem „Volk“ gerade der protestantischen Christen in Deutschland zur Zeit nicht gut steht, wir sind nach wie vor das „Volk seiner Weide“. Gott wird uns nicht geistlich verhungern lassen, er wird uns zum frischen Wasser führen. Auch eine einzelne Gemeinde darf sich daran erinnern und sich an den Hirten hängen und von ihm erwarten, dass er weiß, wie „es weitergeht“.

Worin besteht dieses Geweidet Werden? Wo spürt man etwas davon? Merkwürdigerweise bricht in unserem Psalm der Jubel der auf den Eintritt in den Tempel Wartenden unvermittelt ab. Die Sprecher wechseln. Nicht mehr : „Lasst uns …“, sondern: „Ihr, wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet!“ Wird es damit wieder gut protestantisch: Hören auf Gottes Wort, auf den Prediger, die Predigerin? Mir fällt auf, dass da von Gottes „Stimme“ die Rede ist, nicht von einem markigen „Wort Gottes“! Hören auf Gottes Stimme, das heißt: Wahrnehmen, dass er in der Nähe ist. Gott, jenseits aller Götterwelten, Gott über den Gipfeln und den Abgründen unseres Lebens, Gott, Antreiber und Voranbringer der Evolution – ist in der Nähe! Hören Sie auf seine Stimme – leise – still – schweigend – „Seine Schafe hören seine Stimme“, die Stimme des Guten Hirten – „Kommt, lasst uns anbeten und knieen und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat – “

 

Die Septuaginta, die Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische, sagt statt „Lasst uns niederknieen“: „Lasst uns weinen …“. Es ist nicht herauszukriegen, wieso der Übersetzer auf diese Idee kam. Aber vielleicht hatte er eine bestimmte Erfahrung. Vielleicht wusste er etwas davon, dass man im Niederknieen und Weinen manchmal die Stimme des Guten Hirten hören kann.

Lasst uns – jeder auf seine Weise – niederknieen und weinen und jauchzen, weil Gott uns wenigstens hin und wieder in unseren Gottesdiensten begegnet. Weil wir, scheinbar verlorener Haufe, Gott begegnen dürfen, der über allen religiösen und Weltanschauungsmächten regiert, uns inmitten der Evolution seiner Schöpfung unser Leben gewährt und uns zum Volk seiner Weide gemacht hat. Ihm sei Lob und Ehre in Ewigkeit, Amen!

 

Hans-Martin Barth