Gerechtfertigt sein – stimmig sein


Predigt am 7. 4. 2004 in Kairo

 

Röm 3, 21-28: Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

 

 

Liebe evangelische Mitchristen,

 

wie ist es Ihnen mit diesen Zeilen des Paulus ergangen? Vielleicht hat manche einer kaum die Geduld, ihn überhaupt aufmerksam bis zum Ende anzuhören. Solcherlei Ausführungen sind vielen unter uns fremd geworden. In der Kasseler Neuen Galerie gibt es ein Exponat moderner Kunst, das mich besonders beeindruckt hat: ein Regal voller Bücher. Aber wenn man genauer hinschaut, entdeckt man, dass man die Bücher gar nicht herausnehmen kann: Sie sind eingegipst. Ob es uns mit dem Römerbrief und insbesondere mit der Rechtfertigungslehre, die wir heute am Reformationstag anhand ihrer klassischen Darstellung im Römerbrief bedenken wollen, ähnlich ergeht? Sie existiert noch, allerdings eher im Museum als in der Alltagswirklichkeit; sie steht sozusagen im Regal, aber sie ist zur Formel erstarrt, sie ist abgestellt, und bei näherem Zusehen kriegt man sie gar nicht mehr richtig zu fassen. Warum ergreift sie uns so wenig?

Heute vor zehn Jahren wurde in Augsburg die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre unterzeichnet. Der Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds Dr. Ishmael Noko und der damals für den vatikanischen Einheitsrat zuständige Kardinal Cassidy haben sie in der Augsburger St. Annakirche unterschrieben, ich stand wenige Meter hinter ihnen, und ich war den Tränen nahe, als sich die beiden umarmten. Ich hatte gedacht, nun beginnt eine neue Ära im Verhältnis unserer Kirchen, und eine zentrale Einsicht der Reformation hält Einzug in die durch das II. Vatikanum ohnehin aufgelockerte katholische Welt. Aber nichts ist passiert, im Gegenteil: Die großen Kirchen sind dabei, sich eher wieder in sich selbst zurückzuziehen und gegeneinander zu profilieren. Dass die Botschaft von der Rechtfertigung nun weltweit zu neuem Leben erweckt werden würde,. erwies sich als trügerische Hoffnung. Im Grunde hat der konfessionelle Hickhack um die GER die Rechtfertigungslehre noch weiter ins 16. Jahrhundert und ins Gipsregal zurückgestoßen.

Warum ist die Botschaft von der Rechtfertigung so schwer fruchtbar zu machen und zu vermitteln? In vergangenen Jahrhunderten haben Menschen um ihres evangelischen Glaubens willen ihre Heimat verlassen; gerade im Hessischen gibt es ganze Ortschaften, die von solchen Protestanten gegründet und besiedelt wurden, von Hugenotten und Waldensern – und warum geht uns diese Botschaft von der Rechtfertigung durch den Glauben aus Gnade allein nicht nahe? Ich denke, es liegt an einer dreifachen Illusion, mit der wir leben und aus der wir uns auch nicht aufschrecken lassen wollen, und diese dreifache Illusion lautet: Rechtfertigung – wir brauchen sie nicht, sie hilft uns nicht und es bleibt sowieso alles beim Alten.

 

Rechtfertigung brauchen wir nicht?

 

Wir brauchen sie nicht. Sie sagt uns nichts Neues. Es könnte mit ihrer Erfolgsgeschichte zusammenhängen, dass wir sie nicht mehr zu brauchen meinen. Wir fühlen uns nicht verdammt. So ist die Gleichgültigkeit zur nachreformatorischen Form des Rechtfertigungsglaubens geworden. Der gnädige Gott ist uns kein Problem, eher der gnädige Nächste. Seine Anerkennung brauchen wir, im Betreib, in unserem persönlichen Umfeld, vielleicht in unserer Gemeinde. Man hört und liest in letzter Zeit viel über mobbing. Bei der Telecom France haben sich in den letzten eineinhalb Jahren, wie man hört, 24 Mitarbeiter das Leben genommen. In Deutschland scheint es nicht so schlimm zu sein, aber auch hier werden Menschen madig gemacht, an die Wand gedrückt, ausgeschlossen. Wir müssen uns rechtfertigen; hier kriegt das Wort plötzlich wieder einen Sinn. Wir stehen unter Legitimationsdruck. Und wenn der Druck groß genug ist, fragen wir uns, was wir uns selber eigentlich noch wert sind.

Meistens kommen wir dabei dann doch zu einem einigermaßen positiven Ergebnis. Kriminelle Schauergeschichten über uns stehen nicht in der Zeitung. Wir sind keine Banker, die um die Höhe ihrer Boni feilschen, selbst wenn sie ihren Betrieb an die Wand gefahren haben. Steuerfahnder werden bei uns nicht fündig. Wir lassen uns auch nicht durch den Hinweis auf die allgemeine Sündigkeit der Menschen kirre machen. Natürlich; wir sind allzumal Sünder, und ermangeln usw. Aber so ist das eben. Es ist hier kein Unterschied? O doch. Diesen Unterschied wollen wir festhalten!

Wir brauchen uns nun nicht in die Vorstellung hineinzuquälen, dass wir eben doch erbärmliche arme Sünder sind. Und trotzdem ist es nicht abwegig, einmal nüchtern Bilanz zu ziehen. Viele Menschen haben sich im Zusammenhang der Wirtschaftskrise über die Gier und die Raffsucht der Banker aufgeregt. Aber sind es denn die Banker? Ist es nicht unser gesamtes System, das jedermann dazu auffordert, das Beste für sich herauszuholen? Denkt der kleine Angestellte wirklich so anders als der Manager? Sieht nicht auch die Kirche, dass sie ihr Geld optimal anlegt – muss sie das nicht sogar? Kaum jemand kann sich zur Zeit den Gesetzen des Kapitalismus entziehen, und selbst die Aussteiger leben davon, dass es einigermaßen funktioniert. Das „Gesetz der Werke“ ist in vollem Gange.

Wenn wir als Christen selbstkritisch und uns selbst gegenüber ehrlich sind, dann werden wir uns nicht mit dem Hinweis auf die unvermeidlichen Gesetze des kapitalistischen Systems entschuldigen. Sondern es wird uns auffallen, dass ein Gesetz in uns steckt, das nicht von außen her uns an die Kandare nimmt. In meinem Alter macht man im allgemeinen ein bisschen Bilanz und fragt sich: Wie war das nun? Ich habe kürzlich eine verblüffende Erfahrung gemacht. Ich habe die Liste meiner Publikationen in Ordnung gebracht, mehr als ein Dutzend Bücher, zig Aufsätze und Beiträge, eigentlich eine stolze Liste. Und plötzlich durchfuhr es mich: Immer geht es da in meinen Veröffentlichungen um Gott, die Kirche, die Religion, und doch habe ich das alles irgendwie auch für mich gemacht, es ist alles irgendwie geprägt und vergiftet auch durch meine Ichbezogenheit, durch „mich“. Vielleicht fragt man es sich in jedem Alter mehr oder weniger bewusst. Und immer wenn wir nach dem fragen, was wie geschafft und geleistet haben, geht es irgendwie auch um unser Ego. Was hat es mir gebracht? Und es stellt sich heraus, dass wir nichts tun können, wobei nicht auch unsere Eitelkeit und unsere Egobezogenheit mit im Spiel ist. Ich kann die frömmsten Dinge tun, sogar predigen oder den Gottesdienst besuchen, einen Überweisungsauftrag herausschreiben für eine Spende mit einer großen Summe: Sobald ich mir darin gefalle, ist irgendwie der Wurm drin – und es ist alles vor Gott umsonst, es ist nichts. So kann man sich schon fragen, ob man je etwas getan hat, das man nicht doch irgendwie für sich selbst getan hat. Wir brauchen die Rechtfertigung vor Gott nicht? Das ist die erste gewaltige Illusion, mit der wir leben.

 

Rechtfertigung hilft uns nichts?

 

Aber selbst wenn wir das rational einsehen, sind wir noch nicht gefeit gegen die zweite Illusion, der wir uns hingeben: Die Rechtfertigungsbotschaft hilft uns nicht. Wir haben kaum eine Erfahrung davon, dass sie uns helfen könnte. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie tatsächlich so, wie sie uns im Römerbrief erklärt wird, schwer zu verstehen ist, und dass auch die Theologie sich nicht ausreichend bemüht hat, die zu vermitteln.. Was soll das heißen: Gott hat Christus hingestellt als „Sühnopfer“? Man kann sich das schon klar machen: Da sprechen alttestamentliche Vorstellungen mit, die den ersten Christen geholfen haben, die Bedeutung des Todes Jesu zu erfassen. Aber „Sühnopfer“ ist ein Begriff aus der Religionsgeschichte, der ebenso überholt ist wie im politischen Bereich der Titel „König“. Jesus war für die Schwachen da, und zwar auch für diejenigen, die nicht in Ordnung waren, für Zöllner und Sünder, wie man abgekürzt sagt, und deswegen ist er hingerichtet, gekreuzigt worden. Insofern ist er „für uns“ gestorben, und nicht, weil ein grausamer Gottvater Blut sehen wollte. Aber was soll das mit unserer „Gerechtigkeit“ oder „Ungerechtigkeit“ zu tun haben? Auch da muss man erst einmal genau hinschauen.

„Gerecht“ ist für uns ein ethischer Begriff; wir beklagen die „Ungerechtigkeit“, die offensichtlich in unserer Gesellschaft herrscht, und wir stellen fest, dass wir bis zu einem gewissen Grade selbst von dieser Ungerechtigkeit leben. Der Begriff „Gerechtigkeit“ meint im hebräischen Denken etwas ganz anderes als das, was wir heute vielfach damit assoziieren: Ein „gerechter“ Ehepartner wäre nach hebräischem Denken nicht der, der mit seiner Partnerin den gemeinsamen Verdienst gerecht teilt und keine Sonderrechte beansprucht, sondern der, der mit ihr in einem guten, passenden, beide zufrieden machenden, stimmigen Verhältnis lebt. Wir sind vor Gott gerecht, heißt übersetzt: Wir sind mit dem Grund und Ziel unseres Lebens in einer stimmigen Beziehung, unser Verhältnis zu Gott ist in Ordnung, es ist ok, burschikos gesagt: Es haut hin.

Das sagt mir nun doch etwas. Ich lebe mit Gott in einer stimmigen Beziehung. All Fehd hat nun ein Ende – meine Beziehung mit Gott ist in Ordnung. Aber wie macht mit „Rechtfertigung“, mit dieser unverdienten Stimmigkeit Erfahrungen? Rechtfertigung kann man nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt spüren, sondern sie hat einen konkreten Ort, wo man sie erfahren kann, nämlich wenn man merkt, dass man ohne sie verloren ist. Ich will niemandem zu nahe treten, aber ich stelle mir vor ich nehme Beispiele aus unserer politischen Landschaft vor der Wahl am 27. September: Wenn in einer stillen Stunde dem damaligen Ministerpräsidenten Althaus auf die Seele fiel, dass er bei seinem unachtsamen Skifahren einen Menschen getötet, hat, dann wäre das so ein Moment gewesen, in dem ein Mensch Erfahrungen mit der Botschaft von der Rechtfertigung machen kann. Oder wenn dem Bundesaußenminister Steinmeier plötzlich voll zu Bewusstsein gekommen wäre, dass er daran schuld gewesen sein könnte, dass jemand, den er da hätte herausholen können, seinetwegen Jahre lang unschuldig in Guantanamo drangsaliert wurde, da hätte sehr wohl die Botschaft von der Rechtfertigung eine effiziente Funktion gehabt. Die Botschaft von der Rechtfertigung, von der unverdienten Stimmigkeit unseres Gottesverhältnisses ist keine frei zugängliche christliche Binsenwahrheit, sondern ein Geheimnis, das von uns im ganz individuellen Kontext unseres persönlichen Lebens und unserer ganz persönlichen Schuld entdeckt werden will und dann auch echte tiefe Erfahrung frei setzt. Dass sie „nichts hilft“, ist eine zweite große Illusion, mit der wir uns um große Möglichkeiten in unserem Leben bringen.

Es bleibt sowieso alles beim Alten?

Mag sie nun hier und da helfen, im Großen und Ganzen, sagen wir, bleibt doch alles beim Alten. Tatsächlich beschäftigt auch mich diese Einstellung. Was ändert sich eigentlich, wenn ich beim Heiligen Abendmahl war? Ich lebe mehr oder weniger weiter, als ob nichts geschehen wäre. Aber zum Geheimnis der unverdienten Stimmigkeit unserer Beziehung zu Gott gehört auch – Pietisten und Katholiken sehen das kritisch – dass sich nicht alles gleich ändern muss. In der Schweiz, habe ich gehört, wurde als Spendeformel beim Abendmahl nicht das feierliche: „Christi Leib – für die gegeben“ verwendet, sondern der Satz: „Kannst so bleiben“. Die Beziehung zwischen dir und Gott ist in Ordnung. Zwischen dir und Gott stimmt es. Und es ist eine auch psychologisch ausweisbare Erfahrung: Gerade indem ich bleiben darf, wie ich bin, entwickelt sich die Kraft, mich zu ändern. Oder etwas zu ändern.

Gibt es Beispiele dafür, dass die Gewissheit der Stimmigkeit unserer Gottesbeziehung tatsächlich etwas verändert? Vielleicht suchen wir nach Menschen, an denen etwas davon ablesbar erscheint. Es muss ja nicht immer Luther sein. Vielleicht Martin Luther King? Der den Schwarzen in den USA zur Emanzipation verholfen hat, so dass Amerika heute einen schwarzen Präsidenten hat? Oder irgendein Drogenabhängiger, von dem wir gehört haben, dass er durch das Evangelium clean wurde? Oder hat sich doch auch in unserem eigenen Leben im Lauf der Zeit etwas gewandelt?

All solche Beispiele sind zweideutig, mehrdeutig. Wahrscheinlich führt es weiter, wenn wir überlegen, was denn sich noch ändern könnte. Wie wir selber etwas dazu beitragen könnten, dass sich auf der Welt oder wenigstens in unserem kleinen Bereich etwas ändert, dass „Stimmigkeit“ um sich greift, zwischen den Menschen, den Völkern, den Religionen, zwischen Mensch und Natur. Wenn uns die Rechfertigungsbotschaft teilweise abhanden gekommen zu sein scheint, so liegt das auch daran, dass wir sie klein gemacht haben, hineinverbannt in das kleine Karo individueller Frömmigkeit. Sie gehört aber hinaus in den großen Zusammenhang der Welt- und Heilsgeschichte, es geht in ihr um mehr als unser kleines persönliches Heil. Gott selbst wird die ihm gemäße Stimmigkeit durchsetzen. Gott will den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit (Apg 17,31). Wir warten eines neuen Himmels und einer neue Erde, in denen Gerechtigkeit, in denen Gott gewollte Stimmigkeit, wohnt (2 Petr 3,13). Und darum sagt schon ein alttestamentlicher Prophet, nämlich Hosea: Pflügt ein Neues, sät Gerechtigkeit (Hos 10,12)! Lasst Stimmigkeit um sich greifen! Gebt eure Illusionen auf, also ob ihr das Evangelium nicht brauchtet, als ob es euch nicht helfen könnte, als müsste alles beim Alten bleiben! Werdet endlich realitätsbewusst! Man könnte es mit der Obama-Formel sagen: Yes, You can – weil Gott kann! Gott kann und er wird und ist schon dabei, indem wir uns das sagen lassen, beginnt der Gips unserer traditionellen theologischen Regale zu bröckeln, und wir brauchen dann gar nicht mehr so dringend Bücher und Texte und Gemeinsame Erklärungen, weil unser Herz begreift: Wir sind hineingezogen in eine unverdiente göttliche Stimmigkeit, es kann und soll stimmig werden zwischen uns und unseren Nachbarn, es soll stimmen in unseren Familien, in unserem eigenen Herzen! Wir, Sie heute, wir alle sind auf dem Weg zu Gottes großer Gerechtigkeit. Unser Leben, Ihr Leben gehört hinein in die große Bewegung zu göttlicher Stimmigkeit, zu Gottes ewigem: Siehe, sehr gut! Amen!

Prof. Dr. Hans-Martin Barth