Beten – aber …?


Predigt am Sonntag Rogate 2009 in der Universitätskirche Marburg

 

Joh 16, 23b – 33 „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.

Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern zu euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werde ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.

Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

 

Liebe Gemeinde,

bittet und nehmt, dass eure Freude vollkommen sei? Es ist eine Erfahrung, die wir wohl alle schon irgendwie gemacht haben: Wir haben gebetet – und nichts hat sich verändert. Ich selbst stehe noch ziemlich unmittelbar unter dem Eindruck einer solchen Erfahrung. Eine unserer Bekannten war an Krebs erkrankt – täglich habe ich in der Morgenmeditation ihren Namen vor Gott gebracht , Monate lang – und in der vorvorigen Woche wurde sie beerdigt. Und ich habe es natürlich hingenommen, dass es so kam, wie es offenbar kommen musste. Was war es mit meinem Beten? Und jetzt soll ich darüber predigen – „bittet, so werdet ihr nehmen“ – obwohl ich weiß, dass es jedenfalls so, wie es dasteht, nicht stimmt, nicht unserer Erfahrung entspricht. Während der Zeit, in der ich mich mit diesem Text beschäftigt habe, hatte ich Gelegenheit, im Süden ein riesige Barockkirche zu besuchen, die nach einer Pestepidemie errichtet worden war, und an der höchsten Stelle des Altars entdeckte ich eine Inschrift: „petite et accipite“ – betet und nehmt, eine Kurzfassung unseres Textes. Wie kann man nach einer Pestepidemie, der Hunderte, wenn nicht Tausende zum Opfer gefallen sind, nach einem Weltkrieg, nach einem Erdbeben wie kürzlich in L’Aquila, sich das zurr Devise machen: bittet und nehmt? Machen wir etwas falsch? Haben wie etwas missverstanden? Beten und nehmen, damit unsere Freude vollkommen sei?

 

Naiv beten

 

Macht uns Beten Freude? Spaß macht es bestimmt nicht. Es käme uns vielleicht komisch vor, wenn Beten uns Freude machte, frömmlerisch, pietistisch in einem unguten Sinn, bigott. Erstaunlich ist aber, dass es in der säkularen Welt Stimmen gibt, die das Beten als etwas Positives beschreiben und empfehlen. Man sagt, es gebe heute mehr Menschen, die beten, als solche, die an Gott glauben. Beten, ohne an Gott zu glauben, atheistisch beten, wie soll das gehen? Psychologisch gesehen, tut Beten gut. Beim Beten, sagt man dann, kommt es nicht so sehr auf die Adresse an, sondern auf den Absender: „Indem Sie etwas losschicken, lassen Sie sich los.“ In diesem Sinn empfehlen die Autoren von „Simplify your life“ das Gebet nach allen Regeln der Kunst: Sie schlagen vor, man solle sich einen Gebetsplatz einrichten, ein bestimmtes Ritual verfolgen, sich in eine geöffnete Kirche setzen, aber auch das stille Kämmerlein nutzen, mit dem Danken beginnen, ja selbst das Tischgebet nicht verschmähen: „Ent-stauben Sie das Beten!“ Beten tut gut – wie Aufräumen und Entrümpeln.

Christen müssen sich über solchen Vorschlägen nicht erhaben fühlen. Es ist eine psychologisch nachvollziehbare Erfahrung, dass das Gebet dem Betenden Distanz verschafft zu seiner Situation, dass es ihn selbst verändert und damit indirekt auch die Situation, in der er sich befindet. Allein das Aussprechen eines Problems, auch wenn man nicht auf eine Erhörung lauert, ist hilfreich. Es kann der Klärung und somit auch dem Realitätsgewinn dienen. Selbst wenn man das Gebet nur als Selbstgespräch auffasst, kann es eine positive Funktion haben. Dorothee Sölle meinte, es komme darauf an, mit wem man seine Selbstgespräche führe, mit sich selbst, dem eigenen Ich-Ideal, oder ob z. B. die Erinnerung an Jesus dabei zu Wort kommt. Eine UN-Studie schätzt, dass ca. vier Milliarden Menschen, also zwei Drittel der Weltbevölkerung, regelmäßig oder doch gelegentlich beten. Psychologen empfehlen das Gebet: Man könne dadurch „seelisch profitieren“, das Immun-System werde dadurch gestärkt. Selbst Krankenkassen interessieren sich angeblich für das unerwartete Therapeutikum.

Nun hat man dazu, vor allem in Amerika, große Experimente durchgeführt, mit Tausenden von Menschen. Manche Versuche, vor allem die, auf die sich der Religionskritiker Dawkins beruft, wollen zum Ergebnis haben, dass es Menschen, die wissen, dass für sie gebet wird, noch kränker werden, weil sie sich angeblich unter Erfolgszwang sehen. Andere Versuche behaupten das Gegenteil.

Was soll man von alledem halten? Dass bei Beeinträchtigung des Bewusstseins auch das religiöse Bewusstsein nicht ausgeschlossen ist, überrascht eigentlich nicht. Daraus lässt sich kein Argument gegen das Beten schmieden. Ich verstehe diese psychischen Zusammenhänge, die auch für das Beten gelten, als eine gnädige Gabe des Schöpfers an seine Menschen, ob sie nun Glaubende sind oder nicht. Christen werden auch für solche in der Schöpfung angelegten Gaben dankbar sein. Trotz aller Problematik – psychologisch nachvollziehbar und insofern erfahrbar – gibt es ein Bitten und Nehmen, das uns hilft. Aber ist Beten nicht mehr als das?

 

Beten im Namen Jesu

 

„Wahrlich, wahrlich, wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ Beten „im Namen“ Jesu, was soll das heißen? Beten wir im Namen Jesu? Zunächst einmal werden wir wohl im eigenen Namen beten. Es geht uns ja um unser Leben oder wir nennen im Gebet andere Namen, für die stellvertretend und für deren Leben wir beten. Vielleicht zeigt sich hier andeutungsweise, warum unser Gebet oft so fruchtlos ist. Drehen wir uns im Gebet um uns selbst? Missbrauchen wir das Gebet dazu, uns abzureagieren oder religiös aufzuplustern? „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen“ – haben wir je in einem anderen Namen gebetet als in unserem eigenen? Man kann über sein eigenes unreligiöses, unchristliches Beten erschrecken. Selbst bei den frömmsten Gefühlen kann man sich noch als den unverbesserlichen Egoisten entdecken, der nichts als sich und sein Wohl, nichts als seinen Namen und sein Wohlergehen im Sinn hat.

Was aber könnte es heißen, „im Namen“ Jesu zu beten? Einer der großen liberalen Prediger des vorigen Jahrhunderts sagte: „kräftig an Jesus denken“. Das klingt banal, ist es aber nicht. Im Gebet kräftig an Jesus denken, das heißt: sich seine Gestalt vergegenwärtigen, seine Lebensgeschichte Revue passieren lassen, sich daran erinnern, wie er mit den Menschen umgegangen ist, wie er Pharisäer getadelt, Kinder geherzt und seine Jünger immer wieder in Verlegenheit gebracht hat. Es heißt, ihn vor sich sehen und die eigenen Probleme darüber in den Hintergrund treten lassen.

Aber das ist wohl noch nicht alles. Martin Luther, in seiner plastischen Sprache, fand, .am müsse beim Gebet in den Namen Jesu gleichsam „hineinkriechen“, mit dem eigenen Namen bei seinem Namen Unterschlupf finden. Du musst so beten, dass du „sogar Christus selber bist“. Das wollen wir uns nicht anmaßen, das geht uns zu weit. Und doch würde unser Gebet erst so zu dem werden, was es sein kann. Wir würden uns in einem neuen Horizont sehen – im Horizont der Liebe Gottes, in dem Jesu Leben sich vollzogen hat. „Er selbst der Vater, hat euch lieb.“ Wir würden gleichsam uns selbst verlieren. Wir könnten uns von uns selbst und unserer Situation radikal distanzieren. Beten und bitten aus der Identität mit Jesus Christus heraus. Sein Bitten übernehmen. Wünschen, wie es dem Wünschen Jesu entspricht. Bitten im Namen Jesu hilft uns erfassen, dass Gott andere Ziele haben kann als wir, dass unser Bitten im eigenen Namen und im Blick auf eigene Ziele zu kurz greift. Bitten im Namen Jesu stellt unser Beten in den weiten Horizont der Liebe Gottes, und es rückt die Menschen, für die wir beten, in den Horizont seines Reichs.

Unsere ständige Frage nach der Erhörung hat da gar keinen Platz mehr. Sie wird überflüssig. Unser Wollen und Wünschen löst sich nicht auf, aber wir sehen es umfangen und aufgehoben im Wollen und Wünschen Jesu, im Willen Gottes. Unser Gethsemane verschwindet nicht, aber es wird zum Gethsemane Jesu. In der Welt haben wir Angst, aber wir sind getrost, er hat die Welt überwunden. In ihm haben wir Frieden. Was auch immer um uns her und schließlich mit uns selbst passieren mag, in ihm finden wir Frieden, nicht in der Erfüllung unserer Wünsche. Äußerlich mag es weitergehen, wie es gerade nicht unseren eigenen Wünschen entspricht. Die Erhörung scheint vielleicht im Gegenteil dessen zu bestehen, was wir von uns aus erbeten haben. Aber auch das kann sein Gutes haben. Die scheinbare Nicht-Erhörung treibt uns weiter an, unter dem Namen Jesu Schutz zu suchen. Nach Luthers Meinung soll niemand denken, er könne beten ohne Angst und Not. Ein Herz, das seufzt, ist auf dem richtigen Weg. Unsere kleinen und großen Nöte, die unseren und die der Menschen, für die wir beten, führen zum Beten „wie der Wind die Bäume und das Korn fruchtbar macht und wie das Wasser das Mühlrad treibt.“

 

Bildlos beten

 

Mitten in diesen tiefgehenden und ermutigenden Gedanken über das Gebet stehen rätselhafte Sätze, die kein Mensch versteht. „An jenem Tage – Ich sage nicht, dass ich den Vater bitten werde – Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen, ich verlasse die Welt und gehe wieder zum Vater.“ Dieser letzte Satz klingt klar und eindeutig: „Jesus kommt von Gott und kehrt wieder zu Gott zurück.“ Eine Bekenntnisaussage, fast ein dogmatischer Satz. Das meinen die Jünger plötzlich zu verstehen. Das befriedigt sie, damit können sie etwas anfangen: „Jetzt redest du frei heraus!“ Aber Jesus wehrt ab: „Jetzt glaubt ihr?“ So kann es auch uns ergehen: Wir meinen: Jetzt haben wir etwas vom Evangelium verstanden. Aber wir haben, wie man so sagt, es wieder nur läuten und nicht zusammenschlagen hören. Wir verstehen Jesus einfach in manchem nicht. Das ist offensichtlich nichts Neues. Damit rechnet schon das Johannes-Evangelium. Und so erklärt sich wohl, dass nun plötzlich von „Bildern“ die Rede ist. „Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, da spreche ich nicht mehr in ‚Bildern’ zu euch.“ Man kann das Wort, das im griechischen Urtext für „Bilder“ steht, auch mit „Rätselwort“ übersetzen. „paroimia“ – eigentlich ist es das Wort, das nebendran steht, das die eigentliche Sache nicht trifft, oder das Wort, das daneben geht. Wir haben im Blick auf Gott nur Worte, die daneben gehen, und wir hören nur Worte, die daneben liegen, wenn es um das Letzte geht. Gott kann mit uns nur verschlüsselt reden. Sein Wort ist nicht direkt in unsere Alltagssprache zu übersetzen oder gar zu übernehmen. Auch deswegen tun wir uns mit dem Beten so schwer.

„Bilder“ – es ist unklar, worauf sich das bezieht. Soll man an die Gleichnisse Jesu denken? Bezieht es sich auf das, was unserem Predigttext vorausgeht? Bezieht es sich auf alles, was Jesus gesagt hat?

Vielleicht haben unsere Schwierigkeiten beim Beten auch damit zutun, dass wir mit den Bildern nicht klar kommen. Wie sollen wir uns Gott vorstellen, wenn wir beten? Sicher nicht, wie ihn die christliche Kunst manchmal vorgestellt hat, Michelangelo etwa in der Sixtina, oder Abstraktion eines gleichschenkligen Dreiecks mit dem göttlichen Auge darinnen. Gott als Vater – gewiss, und doch ist Gott jenseits von allem, was wir uns als Vater denken. Wir reden ihn an als unseren Vater, wie Jesus ihn angeredet hat als seinen Vater, und doch ist auch das Wort „Vater“ ein Bildwort, das nicht wirklich trifft. Nicht anders ist es mit dem Wort „Sohn“ zur Bezeichnung Jesu selbst. Man kann verstehen, wieso die ersten Glaubenden ihn als „Sohn“ bezeichnet haben. Sie wollten deutlich machen, dass er ganz auf die Seite Gottes gehört, von Gott kommt und ewig bei Gott bleiben wird. Aber das sind Bilder, die insbesondere heute mehr verdecken als erschließen. Wir sind an sie gewohnt, aus unserer fast zwei Jahrtausende alten Liturgie, aber wir verstehen sie nicht. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist – wer kann das verstehen? Ich habe einen Kollegen, der sagt, er verwende den Begriff „Sohn Gottes“ nicht mehr, es sei denn, er hat Gelegenheit, ihn zu erklären. Stoßen wir uns nicht an diesen Bildern – „Vater“, „Sohn“; sie haben nur eine begrenzte Reichweite. Die Wirklichkeit, die uns in ihnen begegnet, ist unendlich viel größer. Sie begegnet uns im Gebet. Dann kommt die „Zeit“, von der Jesus spricht, in der keine Barrieren zwischen Gott und uns sind. Dann lassen wir alle unsere Vorstellungen und Bilder von Vater und Sohn und Gott fallen, und er spricht mit uns „frei heraus“. Dann lassen wir uns nicht mehr fixieren durch unsere Vorstellungen von einem himmlischen Vater, der uns erhören sollte und das doch nicht tut, und auch nicht von unseren Wünschen, so berechtigt sie uns auch vorkommen.

Bitten wir ruhig und naiv wie Kinder ihren Vater oder ihre Mutter, und wir werden dabei etwas „nehmen“. Aber lassen wir uns weiterführen in das Gebet im Namen Jesu – wir werden lernen, dass dies wichtiger ist als das Gebet im eigenen Namen. Und überlassen wir dann unser Verlangen, im Gebet etwas erreichen und bekommen zu wollen, und den Zwang immer wieder im eigenen Namen beten zu wollen, dem der uns sagt: Bittet – und ihr werdet nehmen. Verlassen wir im Namen Jesu unsere festgelegten Vorstellungen, vergessen wir im Beten, alles Warum und Wozu, ja vergessen wir, dass wir beten! Dann wird Bitten, Sich Überlassen und Nehmen eins sein. Und es meldet sich dann ein Getragensein, eine Gewissheit und eine Freude, die nicht von dieser Welt ist. Das Johannes-Evangelium nennt sie „die vollkommene Freude“. Amen!

 

 

 

Hans-Martin Barth