Seelsorge im areligiösen Umfeld


Seelsorge im säkular-areligiösen Umfeld

 

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!“ (Jes 52,7). Sind das die Füße der Seelsorgerinnen und Seelsorger? Lässt sich das auf die Seelsorge im heutigen säkularen Umfeld übertragen, vielleicht so: Wie gern hört man im Krankenhaus und in den Altenheimen die Schritte der Seelsorger und Seelsorgerinnen, die da Freude bringen mit ihrer Präsenz und ihrem Tun? In welchen Kontexten bewegen sie sich? Jedenfalls nicht einfach „in Zion“. Die Berge sind steinig und steil – viel Unverständnis gegenüber Kirche, Religion, Gott. Was haben Seelsorger / Seelsorgerinnen in dem steinigen säkular-areligiösen Umfeld zu bringen?

Schon vor Jahren wurde gefordert, es müssten für die Seelsorge „Wege gesucht und gefunden werden, als christliches Angebot auch für kirchlich wenig verbundene Menschen dazusein.“1 Noch immer aber gibt es kaum einschlägige Literatur. Inzwischen hat sich die Situation noch erheblich verschärft. Unser Umfeld ist zunehmend säkular, ja areligiös geworden.

Dieser Schwierigkeit will ich nun nicht als Psychologe oder als Praktischer Theologe, sondern als systematischer Theologe nachgehen. Ich sehe die Hauptschwierigkeiten darin, dass viele Menschen, die mit der Kirche nichts (mehr) zu tun haben wollen, unter dem Missverständnis eines falschen Gottesbildes leiden oder dass ihnen Gott, Religion oder Kirche schlechterdings kein Thema mehr sind. Ein bisschen plakativ könnte man sagen: Es geht erstens um den missverstandenen und zweitens um den abhanden gekommenen Gott sowie drittens darum, wie trotz dieses Missverstehens und Nichtverstehens das Evangelium als hilfreich ins Spiel gebracht werden kann.

 

1 Das säkular-areligiöse Umfeld

1.1 Weltanschauliche Rahmenbedingungen

Worin bestehen die weltanschaulichen Rahmenbedingungen heutiger Seelsorge? Die herkömmlichen christlichen Antworten überzeugen selbst Kirchgänger nicht mehr ohne Weiteres. Manche der mit der Kirche wenig verbundenen Menschen erinnern sich in der Krise vielleicht an ihren Kinderglauben, ohne ihn als Erwachsene wieder voll aktivieren zu können. Patienten, die der Kirche und der Religion gegenüber völlig entfremdet sind, haben es da vielleicht sogar leichter: Sie fragen nicht mehr, warum gerade sie krank werden mussten. Sie haben natürliche Erklärungen bei der Hand. Sie akzeptieren, dass etwas eben so ist, wie es ist, weil die Gesetze der Natur eben in der Regel keine Ausnahme kennen. Leben ohne Leid, Altern und Tod kann es nicht geben. Die Normaldogmatik des Durchschnittsmenschen in unseren Breiten scheint der Naturalismus zu sein, der nicht nur behauptet, dass sich alles natürlich erklären lässt, sondern dass es außer dem, was sich natürlich erklären lässt, nichts geben kann. Der Naturalismus, schreibt der Berliner Philosoph Holm Tetens, sei „heutzutage der gewichtigste Gegner des Gottesglaubens.“2 Die Normal-Ethik ist ebenfalls nicht schwer zu bestimmen: Sie besteht im Konsum und – nach Sloterdijk – in der Devise „nach uns die Sintflut“.3 Das sind, vereinfacht gesagt, die Rahmenanschauungen, innerhalb derer sich heute in Mitteleuropa eine Religion bewähren muss. Peter L. Berger hat diese Rahmenanschauungen vor Jahren als „Wirklichkeitsbestimmungen“, als „‘Definitionen‘ der Wirklichkeit normativer wie auch kognitiver Art“ bezeichnet.4 Tetens spricht im Blick auf den wie selbstverständlichen Naturalismus sogar von „Metaphysik“. Es ist der metaphysische Rahmen, der sich heute, auch ohne weiteres Nachdenken, jedermann wie von selbst nahezulegen scheint – wenn wir ehrlich sind: auch praktizierenden Christen. Er ändert sich auch durch eine Krise kaum.

 

1.2 Theologische Herausforderungen

Worin liegen theologisch die Hauptschwierigkeiten für den christlichen Seelsorger / die Seelsorgerin, in diesem unübersichtlichen säkularen Umfeld tätig zu werden? Sie entstehen dann, wenn die Rede auf „Gott“ kommen sollte. Als Christ gehe ich davon aus, dass Gott meinem Gesprächspartner nahe ist. Gott ist gegenwärtig! Aber er ist es auf eine Weise, die mein Gesprächspartner nicht durchschaut und die ihm insofern in der konkreten Situation auch nicht helfen kann. Also doch von Gott reden – aber wie? Ohne ihn herbei zu „zitieren“5, ohne traditionelle Formeln zu verwenden? Ich vermute, Seelsorger und Seelsorgerinnen stehen heute, wenn ich die traditionell Religiösen außer Acht lasse, zwei Gruppen von säkularen Menschen gegenüber: Die einen halten sich noch für irgendwie religiös, denken mit nostalgischen Gefühlen an ihre religiöse Kindheit, an die Großmutter, die noch regelmäßig zum Gottesdienst ging. Sie haben noch eine Ahnung davon, was es mit Kirche und Religion auf sich haben könnte. Sie sind die nur Distanzierten, die eigentlichen „Religionsdistanzierten“. Die anderen sind nicht nur distanziert, sie haben überhaupt kein Verhältnis mehr zur Religion; sie sind die in einem vollen Sinn „Areligiösen“, die „religiös Unmusikalischen“, für die Religion schlechterdings kein Thema ist. Zwischen beiden Gruppen gibt es fließende Übergänge; ja selbst traditionell religiöse Menschen haben oft ähnliche Gedanken wie sie.

Worin kann Seelsorge in diesem Gelände hilfreich werden? Jedem Menschen hilft es, wenn sich andere ihm zuwenden, ihm zuhören, sich mit seinen Problemen oder Leiden identifizieren, raten und beistehen. Dies zu versuchen, ist für christliche Seelsorge selbstverständlich, aber darin kann sie sich m. E. nicht erschöpfen. Hilfe zur Krisenbewältigung können – Gott sei Dank! – auch SozialarbeiterInnen, Therapeuten, auch Friseure und Friseurinnen bringen (die übrigens seit einiger Zeit speziell psychologisch ausgebildet werden). Wodurch, durch welche konkreten Inputs kann Seelsorge Religionsdistanzierten und Areligiösen hilfreich werden? Ich frage das im Blick zunächst auf die „Religionsdistanzierten“, dann die „Areligiösen“ und nenne am Ende Themen, die für beide Gruppen von Belang sein dürften.

 

2 Die konkreten pastoralen Aufgaben

Es ist sinnvoll, sich klar zu machen, an wen sich Seelsorge wendet bzw. was es für Menschen sind, die – gewollt oder ungewollt – mit einem Seelsorger / einer Seelsorgerin in Kontakt geraten.

 

2.1 Die Religionsdistanzierten

Sie begegnen in unterschiedlichen Gestalten. Sie können kirchlich sozialisiert sein, praktizieren aber längst nicht mehr, sind der Kirche entfremdet oder auch aus ihr ausgetreten. Sie meinen noch zu wissen, was man als Christ glauben oder tun sollte. Aber sie teilen das längst nicht mehr. Daneben gibt es Menschen, die eher außerhalb der Kirche gefunden haben, was sie als „Religion“ verstehen. Sie erleben das Größere in der Natur, in der Kunst, in der Musik. Sie freuen sich daran, sind dankbar dafür, aber es bleibt bei diffusen Gefühlen. Sie pflegen eine gewisse Religiosität oder vielleicht besser: Spiritualität ohne Gott.6 Schließlich haben nicht wenige Menschen eine gewisse Sehnsucht nach Religion, aber ihr Verstand lässt die Erfüllung dieser Sehnsucht nicht zu. Der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach gibt zu erkennen, dass sich für ihn beim Anhören der Johannes-Passion „eine Mischung aus Trauer und Wut“ einstellt, „dass das alles nicht wahr ist.“7 Die jüngste Variante dieser Spielart wird von Alain de Botton repräsentiert: In seinem Buch „Religion für Atheisten“ schildert er begeistert, wie schön religiöse Bräuche und Bilder sein können; man dürfe sie keinesfalls den konventionell Religiösen und den Kirchen überlassen.8 So hat auch der Atheist oder Agnostiker seinen Weihnachtsbaum, ohne ihn mit dem christlichen Weihnachtsfest in Verbindung zu bringen. Eine schöne Sitte, die aber mit dem Weihnachts-Evangelium nichts zu tun hat.

In der Krise wird eine rein ästhetisch goutierte Religiosität kaum eine hilfreiche Ausstrahlung haben. Was kann der Seelsorger / die Seelsorgerin in dieser Situation ausrichten? Er wird keine langen Reden halten wollen. Aber falls es überhaupt zu Gespräch und Austausch kommt, müsste er / sie müsste parat haben, was er sagen will. Er / sie könnte dann – je nach Bedarf – dreierlei vermitteln (ich wage es, im folgenden das immer wieder auch indirekter Rede auszudrücken):

 

2.1.1 Glaube ist kein Gesetz

Erstens: Niemand muss glauben. Sie müssen nicht „glauben“. Glauben ist auch etwas völlig anderes als „etwas Bestimmtes für wahr zu halten“. Glauben heißt nicht: ein bestimmtes Weltbild teilen. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie etwas akzeptieren, was Ihnen nicht einleuchtet. Glaube im eigentlichen Sinn des Wortes, nämlich vertrauen und sich im Vertrauen dem weiteren Gang der Dinge zu überlassen, kann man nicht auf Befehl. Schon einem anderen Menschen sich anzuvertrauen, ist nicht auf Anweisung möglich. Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen, wenn Sie einfach dieses Vertrauen nicht aufgebracht haben, wenn Sie darin keine Erfahrung haben. Sogar im Neuen Testament steht, dass der Glaube „nicht jedermanns Ding“ ist (2. Thess 2,3).

Die Seelsorgerin, die das zugibt, weiß, dass Gott mit jedem Menschen seinen eigenen Weg geht. Schließlich kann sie ja selbst nichts dafür, dass ihr ein anderer Weg beschert war und dass sie immer wieder zum Glauben finden darf.

 

2.1.2 Religion spricht in Bildern

Als Zweites könnte der Seelsorger / die Seelsorgerin vermitteln: Sie brauchen sich durch die Worte und Bilder, die Sie vielleicht noch in Erinnerung haben, nicht irritieren zu lassen. Religiöse Sprache will wie die Sprache der Poesie nicht wörtlich verstanden werden. Wenn das Neue Testament sagt, Jesus sei niedergefahren in die Hölle / in das Reich des Todes, dann spricht es nicht von einer Region im Jenseits, sondern es will uns sagen: Es gibt keinen Ort, an dem wir wirklich verlassen wären und uns aufgeben müssten. Viele Aussagen der Bibel wollen nicht wörtlich, sondern als Symbole verstanden werden. Gerade wenn wir uns ihren Symbolgehalt gelten lassen, verstehen wir sie sozusagen direkt, „wörtlich“ und realistisch; nur so können wir sie uns aneignen. Gerade, wenn man sie nicht wörtlich, sondern als Symbole versteht, entfalten sie realistisch ihre Kraft.

Der Seelsorger, der das selbst so praktiziert, könnte ein ihm naheliegendes Beispiel zur Hand haben, das ihm hilft, ein Bildwort für sich persönlich zu nützen. Es gibt keinen guten Hirten im Himmel, und doch höre ich gleichsam, wie sein Stecken auf der Erde aufschlägt und mir signalisiert: Was mich beschützt und leitet, ist ganz in der Nähe. Der Seelsorger braucht dazu freilich die nötige hermeneutische Kompetenz, um erläutern zu können, wann ein Wort oder eine Geschichte der Bibel symbolisch gedeutet werden muss oder darf. Er kann das auch im Blick auf die Sakramente deutlich machen: Die Taufe ist ein Symbol der neuen Existenz, das Abendmahl Symbol für eine Gemeinschaft, der ich angehören kann.

 

2.1.3 Gott „gibt es nicht“

Als Drittes könnte der Seelsorger auf die möglicherweise verfehlte Vorstellung des Gesprächspartners von Gott einlassen: Wie stellen Sie sich denn Gott vor? Doch nicht so, wie er in der Sixtina gemalt ist, als ein überdimensioniertes Wesen, das irgendwo außerhalb der Welt residiert und in sie hineinregiert, ausgestattet mit übermenschlichen Eigenschaften und Kräften? Da haben die Maler unsere Fantasie verdorben. Selbst unsere Sprache schlägt uns ein Schnippchen, weil wir von Gott nicht anders reden können, als dass wir sagen: er (z.B. hat die Welt geschaffen; die feministische Theologie macht die Sache nicht besser, wenn sie stattdessen sagt: „sie …“). Die alten Hebräer wussten noch, dass man seinen Namen nicht aussprechen kann und dass man sich kein Bild von ihm machen darf. Nicht einmal von dem Ihnen nächsten Menschen dürfen Sie sich ein festgelegtes Bild machen, sonst kann er Sie nicht mehr überraschen!

Die Seelsorgerin / der Seelsorger macht sich das selbst klar, erinnert sich daran, dass man sozusagen nur in Anführungszeichen von Gott sprechen kann. Gott ist jenseits unserer Vorstellungskraft. Was ich mir vorstellen kann, kann gerade nicht Gott sein. Deswegen das Bilderverbot: Du sollst dir nicht ausmalen, wer oder wie Gott ist! Philosophen haben diesen Gedanken aufgenommen, so z. B. im 15. Jahrhundert Nikolaus von Kues: Gottes Sein ist so beschaffen, „dass er weder ist noch nicht ist, weder ist und nicht ist, weder ist oder nicht ist. All solche Behauptungen haben nichts mit ihm zu tun.“9 Er ist jenseits von Sein und Nichtsein. Dietrich Bonhoeffer hat das so ausgedrückt: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht; (…).“10 Aber man könnte sagen: Den Gott, den es nicht gibt, gibt es – nur ganz anders, als wir ihn uns denken. Er wohnt in einem Licht, in das niemand eindringen kann (1. Tim 6,16) – wieder eine bildhafte, symbolische Rede.

Deswegen sollte der Seelsorger ein Gebet oder ein Glaubensbekenntnis parat haben, das auch ein religionsdistanzierter Mensch verstehen oder gar nachvollziehen könnte. Es könnte sich zB so anhören:

Ratlos stehe ich vor dem Geheimnis des Lebens und Sterbens, aber ich möchte mich ihm anvertrauen. Ich suche nach Tatkraft und Engagement für eine bessere Welt. Was geschehen muss, soll geschehen. Tägliches Brot brauche ich, brauchen andere. Ich will mich danach richten. Mich soll nicht fertig machen, dass ich so vieles falsch gemacht habe, und ich will auch im Blick auf die Fehler von anderen großzügig sein. Nein, verführt und vom Bösen überwältigt untergehen werde ich nicht … 11.

Die Anklänge an das Vaterunser dürfen ruhig erkennbar sein. Hier braucht der Seelsorger wieder ein Gespür dafür, wen er vor sich hat: Ist es ein Mensch, den es erleichtert, dass es diesen Gott, wie man sich ihn weithin vorstellt, nicht gibt, dass Gott größer ist als alles, was man sich denken oder vorstellen kann, oder ist es jemand, dem gerade diese handgreifliche, fast intime Vorstellung von einem Vater im Himmel, von Jesus als einem Bruder und Freund, hilft, seines Glaubens gewiss zu werden. Beides ist ja aus menschlicher Perspektive richtig: Ich darf Gott per du anreden, weil wir nun einmal unser Vertrauen letztlich nur per du ausdrücken können, obwohl Gott niemals darin aufgeht, uns ein „Du“ zu sein. Das heißt, als Seelsorger und Seelsorgerinnen dürfen wir nicht nur die uns vertraute religiöse Sprache beherrschen, sondern wie müssen versuchen, mehrsprachig zu werden.

Um das noch einmal zusammenzufassen: Als Seelsorger und Seelsorgerinnen können wir schon viel Gutes tun, indem wir Missverständnisse beseitigen, Engführungen aufsprengen, gedankliche und vorstellungsmäßige Spielräume eröffnen. Wie aber begegnen wir Menschen, die nicht mehr irgendwie von Religion und Religiosität tangiert sind, es vielleicht niemals waren (wie viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind), Menschen, die man wirklich als areligiös bezeichnen darf und die sich auch selbst so sehen?

 

2.2 Die Areligiösen

 

Innerhalb der Theologie hat man lange behauptet, wirklich areligiöse, religionslose, an Religion völlig desinteressierte Menschen könne es gar nicht geben. Der große Theologe Schleiermacher hatte vom „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ gesprochen, von einer „Anlage zur Religion“12. Und noch der Katechismus der Katholischen Kirche, erschienen 1993, behauptet steif und fest: „Der Mensch ist seiner Berufung und Natur nach ein religiöses Wesen.“13

Ich bin auch selbst Jahrzehnte lang davon ausgegangen, dass der Mensch ein Wesen ist, das ohne Religion in irgendeiner Form nicht auskommt. Er ist vielleicht kein Christ, er geht nicht in die Kirche, aber er fragt doch nach Sinn, nach dem Sinn seines Lebens. Auf evangelischer Seite hat diese Position besonders Wolfhart Pannenberg vertreten: Der Mensch sei „weltoffen“ und damit letztlich zu Gott hin „offen“14; Karl Rahner hat den Menschen als „Wesen der Transzendenz“ beschrieben15. Aber mit der Zeit habe ich mich danach gefragt, wo sich das denn zeigen soll. Zu viele Menschen scheinen sich doch gar nicht für Transzendenz zu interessieren, sind mit der Immanenz völlig zufrieden. Ich vermute, sie möchten, dass man ihre areligiöse Haltung ernst nimmt. Schon der große Soziologe Max Weber hat sich als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, Jürgen Habermas hat diese Selbstbezeichnung für sich übernommen. Die Zahl derer, die sich für areligiös, für Agnostiker oder Atheisten halten, ist in den letzten 100 Jahren weltweit sprunghaft angestiegen, zwischen 1900 und 2000 von etwa fünf Millionen auf Hunderte von Millionen. Man rechnet heute, dass zwischen 12 und 15 % der Weltbevölkerung sich für areligiös halten, mit Ausnahme von Europa, wo der Prozentsatz noch erheblich höher liegt, mit wachsender Tendenz.

Ich habe mich daraufhin entschlossen, dem nachzugehen, was die Humanwissenschaften heute über die Religiosität des Menschen sagen, die Medizin, die Psychologie, die Soziologie, auch die Ethnologie und die Religionswissenschaften. Das Ergebnis war, dass man nicht von einer religiösen Anlage des Menschen sprechen kann, sondern von einem sozusagen gemeinsamen Boden, von dem aus sich sowohl Religiosität als auch Areligiosität entwickeln kann. So könnte sich erklären, dass unter den gegenwärtigen Bedingungen sich die Zahl der Areligiösen so stark vergrößert, aber die Religionen eben doch nicht aussterben. Deswegen spreche ich von einer Art Gabelung, einer Bifurkation: Religiosität und Areligiosität entwickeln sich nebeneinander her. Für die Theologie ergibt sich daraus die Frage, ob das Christentum nun nur noch für die Religiösen zuständig ist oder doch auch eine Aufgabe gegenüber den Areligiösen hat. Wenn wir davon ausgehen, dass das Evangelium für alle Menschen gilt, dann muss sich die christliche Seelsorge auch um die Areligiösen zu kümmern oder jedenfalls für sie da zu sein versuchen. Was aber kann sie Areligiösen sagen, sofern es mit diesen überhaupt zu einem Gespräch kommt? Ich denke, es ist folgendes (und ich versuche es wieder in direkter Rede):

 

2.2.1 Anders sein ist legitim

Erstens: Sie haben offensichtlich andere Erfahrungen, Sie sind anders. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Ihnen etwas fehlt, Sie kommen ja auch mit Ihrem Leben gut klar. Ich sehe das, wenn ich es auch nicht verstehe. Aber von meinem Glauben aus kann ich nur sagen: Mit Ihnen hat Gott offenbar einen anderen Weg als mit mir. Ich glaube, dass Gott mit jedem Menschen einen eigenen Weg hat. Sie führen das nicht auf Gott zurück, aber Sie freuen sich daran und gehen mutig Ihren Weg. Gehen Sie ihn! Gehen Sie ihn mit offenen Augen!

Der Seelsorger wird seinem areligiösen Gesprächspartner nichts aufdrängen wollen. Frei stehen die beiden einander gegenüber. Er geht nicht davon aus, dass dem anderen etwas fehlt, hat nicht ein Defizienzmodell im Kopf, sondern er lässt das Anders-Sein, die Alterität des anderen, voll gelten. Man nennt das das Alteritätsmodell16. Pierre Teilhard de Chardin rät in seinen Briefen an eine Nichtchristin: „Könnten Sie doch den Weg finden, der Sie zu Ihrem höchsten und wahrsten Selbst führt! Behalten Sie die richtige Richtung aufwärts – und hoffen Sie auf dauernde Entdeckung – und vertrauen Sie dem Leben. Das ist alles.“17 Gelingt es dem Seelsorger, den Areligiösen zu seinem eigenen Weg zu ermutigen, hat er etwas erreicht, das mit dem froh machenden Evangelium zu tun hat.

 

2.2.2 Rückblick lohnt sich

Noch ein Zweites scheint mir möglich. Ich kann meinen Gesprächspartner dazu motivieren, auf sein Leben zurückzuschauen. Ich höre ihm zu und ich spiegle ihm:

Sie haben es schwer gehabt, aber Sie haben standgehalten. Sie haben doch wirklich viel Gutes erlebt. Als Christ nenne ich das eine „Gnade“. Vielleicht können Sie, auch ohne an Gott zu glauben, es ähnlich nennen. Der christliche Glaube stellt ein Vokabular zur Verfügung, das, was wir an Gutem oder Schwerem, an Gelingen und an Versagen erleben, zu benennen: „Gnade“, „Segen“, „Fluch“, „Sünde“, „Schuld“. Es vertieft das Lebensgefühl, wenn man nicht einfach drauf los lebt, sondern sich über sein Leben klarer zu werden versucht und einzelnes klar ansprechen kann.

Der Seelsorger wird sich hüten, dem Leben seines Gesprächspartners ein religiöses Gewand überzustreifen. Aber er wird mit ihm zusammen versuchen, die alten religiösen Begriffe darauf zu überprüfen, was sie in einer bestimmten Situation an Erschließungskraft besitzen. Er wird dabei die alten Begriffe neu zu deuten lernen und zugleich herausfinden, welche von ihnen sich kaum noch oder tatsächlich nicht mehr verwenden lassen.

 

2.2.3 Der Ausblick ist offen

Es wird ihm dabei vor Augen kommen, inwiefern der Partner auf seine Weise Vertrauen, Liebe und Hoffnung gelebt hat.

Sie haben in dieser schrecklichen Situation damals einfach das Vertrauen gehabt, dass es wieder gut werden wird. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben – aus welchem Grund auch immer. Sie haben sich als liebenswerter charmanter Mensch erwiesen; durch Ihren Einsatz haben Sie tatsächlich für andere etwas beitragen können. Ich habe ähnliche Erfahrungen, aber ich muss immer wieder auftanken. Mir helfen dabei Beispiele. Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Martin Luther King, Franz von Assisi oder auch biblische Gestalten, schließlich die Gestalt Jesu selbst. Das sind Erfahrungswerte. Sie stehen zum Ausprobieren zur Verfügung.

Für den Seelsorger / die Seelsorgerin geht das nicht ohne das eigene Glaubensbekenntnis ab. Was für Erfahrungen habe ich im Glauben? Was glaube ich eigentlich? Wie drücke ich es aus? In welcher Form könnte ich es einem areligiösen Menschen zumuten? Habe ich das schon einmal formuliert? Könnte es vielleicht so klingen:

Ich vertraue mich dem Leben an. Ich merke, ich habe ein gewisses Vertrauen, mir fehlt es nicht völlig an Liebe, ich kann die Hoffnung nicht wirklich aufgeben – und doch habe ich das Gefühl, dass das alles zu kurz greift. Ich schaue aus nach Hilfestellung und finde sie bei Menschen, die in einem anderen Geist leben, letztlich in dem Geist Jesu, von dem das Neue Testament erzählt. Ich weiß nicht genau, wie das vor sich geht, aber damit fasse ich immer wieder Tritt, so kriege ich immer wieder Schwung.

Vielleicht überträgt sich etwas von diesem Grundgefühl, auch ohne dass ich es ausspreche. Vielleicht äußert es sich in meinem Blick, in meiner Stimmlage, in der Art, wie ich dem Partner gegenübersitze. Aber im Blick auf bestimmte Themen ist es hilfreich, wenn ich sie anspreche.

Ich versuche, auch das zusammenzufassen: Den anderen ganz als anderen, als ihn selbst gelten lassen, ihn ernst nehmen, ihm helfen, seinen Weg noch einmal in den Blick zu nehmen, seine Lebensleistung zur Geltung bringen und doch deren Grenzen erkennbar werden lassen. Das sind Wege, auf denen auch für Menschen ohne Kontakt zu Kirche und Religion etwas von der heilenden Kraft des Evangeliums spürbar werden kann.

 

3 Religiöse, Religionsdistanzierte und Areligiöse in der Krise

 

Es sind wohl sehr ähnliche Fragen, die religiöse, restreligiöse und areligiöse Menschen in Lebenskrisen bewegen. Aber sie haben für die Betroffenen eine unterschiedliche Gestalt, der dann auch unterschiedliche Antworten entsprechen.

 

3.1 Einsamkeit und Hilflosigkeit

Eine Grunderfahrung in Krisensituationen dürfte wohl Hilflosigkeit und Einsamkeit sein. Areligiöse Menschen, wenn sie die Situation nicht einfach hinnehmen, werden sie als Aufforderung verstehen, das Beste daraus zu machen und sich nüchtern darauf einzustellen. Sie werden sich keine Ausflucht ins Religiöse gestatten; mit Dorothee Sölle zu sprechen: Der Weihnachtsmann kommt nicht; man muss dessen Geschäft selbst besorgen. Der religiös praktizierende Mensch, wenn er noch am theistischen Gottesbild festhält, meint eine Adresse zu wissen, an die er sich wenden kann, aber er wird entdecken, dass sie mitunter nicht reagiert. Er muss sich mit dem Ausbleiben der Antwort auseinandersetzen. Ist einem Menschen dies nicht mehr möglich, so mag er sich vielleicht dem Ganzen anzuvertrauen, wie es sich ihm etwa in der Natur darbietet. Der Seelsorger / die Seelsorgerin kann hier schlicht durch Präsenz und Zuwendung die Einsamkeits- und Hilflosigkeitsgefühle mildern oder Hilfsangebote vermitteln. Kompetente Seelsorge hilft, die Situation auszuhalten oder doch ins Offene zu verweisen. Sie wird jeden dazu ermuntern, seine gerade ihm gegebenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Sie kann aber auch von den Einsamkeits- und Hilflosigkeits-Erfahrungen sprechen, von denen im Neuen Testament berichtet wird, von Jesu Kampf in Gethsemane oder von der Einsamkeit und Hilflosigkeit des Gekreuzigten, der sich von Gott und der Welt verlassen weiß und doch sich einem Vater anvertrauen kann, dem er vorwerfen muss, dass er ihn verlassen hat.

 

3.2 Schuld und Vergebung

Die Frage nach der eigenen Schuld kann in einer doppelten Beziehung zur Krise stehen: Was ist an der Entstehung der Krise schuld, wer hat Schuld, dass sie aufkommen konnte? Wenn – eigene oder fremde – Schuld erkennbar wird, kann deren Wahrnehmung selbst zur Krise führen; ich mache anderen oder mir selbst Vorwürfe. Die herkömmliche Argumentation, dass Gott in Jesus Christus die Schuld auf sich genommen hat, kann denjenigen nicht mehr überzeugen, der sich Gott nicht mehr als strengen Richter oder gütigen Vater vorstellen kann. Das Grundschema – Gott vergibt um Jesu willen dem, der sich darauf bezieht, funktioniert nicht mehr. Es bleibt aber die Erfahrung, dass Schuldgefühle sich melden und dass es gut tut, sie auszusprechen. Religiös noch sensible, „restreligiöse“ Menschen empfinden dies deutlicher als Areligiöse, für die fremde Schuld etwas ist, das geahndet werden muss und für die eigene Schuld eine Frage der Auseinandersetzung mit dem Über-Ich bedeutet. Hier berühren sich Seelsorge und Therapie. Seelsorge hat ihre eigene Weise, von Vergebung zu sprechen, Vergebung zu vermitteln und Identität zu begründen.

 

3.3 Tod und Ewigkeit

Eine dritte Frage dürfte religiöse, restreligiöse und areligiöse Menschen beschäftigen: die nach dem Tod und einem denkbaren ewigen Leben. Seelsorge an restreligiösen oder areligiösen Menschen kann hier nicht mit den traditionellen religiösen Bildern aufwarten, zumal die Religionen hier höchst unterschiedliche Vorstellungen anbieten. Was hat sie dem Areligiösen zu sagen, für den mit dem Tod „alles aus“ ist und der sich in der Lage sieht, dieses „aus“ notfalls selbst herzustellen, wenn die Schmerzen überhand nehmen sollten? Was wäre eine hilfreiche Botschaft für denjenigen, der zwischen den Vorstellungen von Seelenwanderung, Nirvana und Auferstehung der Toten umherirrt? Sie hat sich nicht auf eine Seite zu schlagen und eines der gewählten Bilder zu favorisieren, sondern deutlich zu machen, dass es ein Vertrauen gibt, das die Bilder hinter sich lässt und das aus der Dankbarkeit für als gut Erlebtes erwächst. Seelsorge kann helfen, die Erinnerung an erlebtes Gutes hochzuholen und der Begegnung mit dem Tod zuzuordnen. Darin dürfte ein hilfreicher Beitrag auch für den bestehen, der sich auf die Vision einer Verwandlung, eines Seins in Christus, eines ewigen Lebens in Gott nicht einzulassen vermag.

Es dürfte schwer sein, Religionsdistanzierten und Areligiösen das Evangelium in der Perspektive der kirchlichen Lehre näherzubringen. Aber es könnte gelingen, sie zu ermutigen, sie dankbarer zu machen und ihnen ein Gefühl dafür zu vermitteln, dass sie nicht allein sind und dass es ein Vertrauen gibt, das Horizonte öffnet.

 

4 Der Seelsorger / die Seelsorgerin als säkular-areligiöser Mensch

Der Seelsorger / die Seelsorgerin werden dabei entdecken, dass sie sozusagen nicht von einem anderen Stern kommen, auch wenn sie den Klienten als Beauftragte der Kirche so erscheinen mögen. Vielleicht lässt sich dieser beide Seiten blockierende Eindruck verringern, je mehr Seelsorgende entdecken, dass sie selbst Seelsorge brauchen, weil sie selbst ganz ähnliche Fragen und Schwierigkeiten haben wie ihre Gesprächspartner. Als professionelle Christen haben wir das Privileg zu wissen, wo wir uns Hilfe holen können, bei Kollegen und Kolleginnen, in Fortbildungsinstitutionen, in der Gemeinde, bei Mitchristen und –christinnen. Wir können uns aber auch bis zu einem gewissen Grad mit unseren Klienten solidarisieren, ja in manchem von ihnen raten lassen und lernen. Mir geht eine Szene nicht aus dem Sinn, seit sie mir begegnet ist – in dem Roman „Les Misérables“ von Victor Hugo. Dort wird geschildert, wie ein katholischer Bischof einen todkranken Atheisten besucht, der, „ein Greis mit weißen Haaren“, seinen Zustand beklagt:

„… gut, ich nehme mein Schicksal an, ich hasse niemand. Aber jetzt zähle ich sechsundachtzig Jahre und werde sterben. Was wollen Sie noch von mir?“

Ihren Segen“, sagte der Bischof. Er kniete nieder.“18

Vielleicht haben wir ebenfalls von den Religionsdistanzierten und Areligiösen etwas zu erbitten. Mitunter erreicht uns ihr Segen.

 

 

Hans-Martin Barth

 

Erschienen in: Pastoraltheologie 105 (2016/7), 305-317

1 Uta Pohl-Patalong, RGG4 7, 1116 (2004!).

2 Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie, Stuttgart 22015, 7.

3 Peter Sloterdijk, Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das ant-genealogische Experiment der Neuzeit, suhrkamp taschenbuch 2015, 31ff.

4 Vgl. Peter L.Berger, Auf den Spuren der Engel, Freiburg i. Br.1991, 21; ders., Der Zwang zur Häresie, Freiburg i. Br. 1992, 21, 67. Ein exakter Nachweis des Zitats ist mir zur Zeit nicht möglich.

5 Klaus Eulenberger, Von Gott reden, ohne Gott herbei zu zitieren, in: PTh 101 (2012), 371-383.

6 Norbert Scholl, Religion ohne Gott. Warum wir heute anders glauben, Darmstadt 2010.

7 Herbert Schnädelbach, Religion in der modernen Welt. Vorträge, Abhandlungen, Streitschriften, Fischer Taschenbuch 32009, 80f.

8 Alain de Botton, Religion für Atheisten. Vom Nutzen der Religion für das Leben, Frankfurt am Main 2013.

9 Zitiert nach Reinhold Weier, Das Thema vom verborgenen Gott von Nikolaus von Kues zu Martin Luther, Münster 1967, 172.

10 Dietrich Bonhoeffer, Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, München 1964, 94.

11 Andere Versuche: Hans-Martin Barth, Konfessionslos glücklich. Auf dem Weg zu einem religionstranszendenten Christsein, Gütersloh 2013, 172f; ders., Wohin – woher mein Ruf? Zur Theologie des Bittgebets, München 1981, 197f. Ders., Das Vater unser. Inspiration zwischen Religionen und säkularer Welt, Gütersloh 2016, möchte das Vaterunser religionsdistanzierten und areligiösen Menschen erschließen.

12 Friedrich Schleiermacher, Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern., neu hg. Von Rudolf Otto, Göttingen 91967, 52.

13 Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993, 67.

14 Wolfhart Pannenberg, Was ist der Mensch? Die Anthropologie der Gegenwart im Lichte der Theologie, Göttingen 1962.

15 Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens. Einführung in den Begriff des Christentums, Freiburg i. Br. 81976, 42.

16 Eberhard Tiefensee, Die Frage nach dem „homo areligiosus“ als interdisziplinäre Herausforderung, in: Benedikt Kranemann u.a. (Hg.), Mission – Konzepte und Praxis der katholischen Kirche in Geschichte und Gegenwart, Würzburg 2009, 177.

17 Pierre Teilhard de Chardin, Briefe an eine Nichtchristin, Olten 1971, 27.

18 Fortsetzung des Zitats und Ende der Szene: “Als er aufblickte, hatte das Antlitz des Konventsmitglieds einen erhabenen Ausdruck angenommen. Der Greis war tot.“ Victor Hugo, Les Misérables, Berlin ‚ 42013, 35.Für einen kritischen Austausch über den vorliegenden Artikel danke ich Prof. Dr. Gerhard Marcel Martin.