Mit Atheisten und Agnostikern ins Gespräch kommen


Mit Atheisten und Agnostikern ins Gespräch kommen

 

Vielleicht hat man nur selten eine Gelegenheit dazu. Aber für den Fall, dass es sich doch ergibt, sollte man vorbereitet sein. Es genügt dann nicht, irgendwelche allgemeinen christlichen Formeln parat zu haben. Natürlich kommt es erst einmal darauf an zuzuhören. Oft steht hinter der Ablehnung von Glaube und Christentum ein schweres Schicksal, eine unerfreuliche Erfahrung mit einem Pfarrer oder blankes Unwissen.

Wenn ich dann aber konkret gefragt werde, zählen Informiertheit und persönliche Überzeugung. Ich persönlich muss Stellung beziehen. Ich bin gefragt. Die folgenden Fragen und Antworten sind in einem Streitgespräch mit dem Marburger atheistischen Philosophen Joachim Kahl entstanden.

 

Ob ich an eine Offenbarung glaube? Es kommt drauf an, was ich unter Erfahrung verstehe. „Offenbarung“ heißt ja zunächst einmal: Mir wird etwas klar, so dass ich hinterher sagen kann: „das war mir wie eine Offenbarung“. Dazu muss ich nicht die Existenz Gottes aufbieten. Der Begriff Offenbarung, auf Gott bezogen, ist ein Kunstbegriff, und es ist umstritten, inwieweit er durch biblische Aussagen gedeckt ist. Jedenfalls kann man die Frage sozusagen nicht von Gott her aufrollen, wenn man Gottes Existenz gar nicht voraussetzt. Man kann nicht einmal fragen, ob alle Menschen eine Ahnung von Gott haben, wenn man nicht genau weiß, wonach man eigentlich fragt. Also fragt man allenfalls, ob der Mensch über sich hinaus fragt. Die traditionelle Lehre von „Offenbarung“ muss daher durch Anthropologie ersetzt werden. Dann geht es darum, ob der Mensch ein transzendierendes Wesen ist. Die meisten Theologen sind davon überzeugt; auch ich war es. Aber man muss noch einmal näher zufassen und überlegen, was transzendieren heißt. Natürlich fragen alle Menschen irgendwie über ihre augenblickliche Befindlichkeit hinaus. Aber ob sie sich dabei für das ewige Leben oder nur für den nächsten Urlaub interessieren, ist eine ganz andere Frage. Man könnte in diesem Zusammenhang an Thomas Luckmanns Rede von „kleiner“ und „großer“ Transzendenz anknüpfen. Aber auch im Sinn einer kleinen Transzendenz halte ich dieses Fragen-Können oder mindestens Empfinden-Können für eine Voraussetzung dafür, dass ein Mensch die Möglichkeit findet, Vertrauen zu gewinnen, liebevoll zu werden und sogar über den Tod hinaus zu hoffen.

 

Ob ich an einen persönlichen Gott glaube? Oder ob ich Gott eher panentheistisch denke? Ich habe lange gebraucht, bis ich die enge theistische Vorstellung von einem Gott, der jenseits der Welt lebt und herrscht und von dort in unsere Welt hineinregiert, überwunden habe. Gott steht jenseits von Sein und Nichtsein und er ist doch Grund und Ziel unseres und allen Daseins. In der Tat glaube ich, dass Gott sowohl in unserer Welt gegenwärtig ist wie auch, dass er aber darin nicht aufgeht. Philosophisch nennt man das „Panentheismus“, aber das ist ein Begriff, der von der lebendigen Dynamik dessen, wie Christen Gott wirken sehen und eben auch selbst erleben, keinesfalls gerecht wird. Diese Dynamik wird unter anderem im Gebet erlebt. Wie kann man zu diesem Gott beten? Er ist nicht eine allmächtige, quasi-menschliche, nur mit unendlichen Fähigkeiten ausgestattete Person, er ist überhaupt nicht vorstellbar. Wenn wir ihn „Vater“ nennen“ oder „per du“ zu ihm beten, so liegt das nicht daran, dass er eine Person ist, sondern dass wir Menschen Personen sind und personal denken. Würden die Christen wirklich glauben, was sie mit dem Apostolikum bekennen, nämlich glauben an den dreieinen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, dann wäre das Bild von dem Mann mit Bart, der „auf den Sternen waltend sitzet / von Ewigkeit zu Ewigkeit“, gar nicht erst aufgekommen. Die Trinitätslehre hat darin eine ihrer wesentlichen Funktionen, unsere Bilder von Gott zu zerstören. Du sollst dir kein Bild machen …

 

Wie kann ich dann an dem Gedanken festhalten dass unsere Welt von Gott geschaffen ist? Schon die Schöpfungsvorstellungen der Bibel zeigen, dass man sich das mit dem Wechsel des jeweiligen Weltbilds bzw. der jeweiligen „naturwissenschaftlichen“ Kenntnisse der damaligen Zeit immer wieder anders vorgestellt hat. In der ersten Phase, die noch stark von allgemeinen altorientalischen Vorstellungen bestimmt ist, geht es stark mythologisch zu: Gott formt den Menschen aus Lehm usw. In der nächsten Phase weiß man schon mehr davon, wie einzelne Dinge zusammenhängen, und formuliert dann eine Abfolge von der Erschaffung des Lichts über Erde, Pflanzen und Tiere bis zum Menschen. In diesem Sinn sehe ich überhaupt kleine Schwierigkeiten, auch die Evolutionstheorie als eine Illustration dafür zu verstehen, dass sich die Schöpfung dem Schöpfer verdankt, und da kann ich immer wieder nur voller Bewunderung sein. Das heißt, dass ich mir die Schöpfung natürlich nicht nach dem Modell einer mechanistisch verstandenen Kausalität vorstelle, sondern da kann ich viel z. B. mit Hans Peter Dürr anfangen, der von einem „über unserer Verstehen hinausgehenden Zusammenhang“ spricht. Im übrigen ist mir der Gedanke an den Schöpfer nicht im Sinn einer Weltentstehungstheorie wichtig, sondern als Selbstvergewisserung, dass ich mein Leben und Sterben innerhalb dieses fantastischen größeren Zusammenhangs vertrauensvoll leben und gestalten darf.

 

Aber was soll dann die Person Jesu? Nimmt sie sich in diesem größeren Zusammenhang nicht reichlich unbedeutend aus? Haben ihn nicht die Menschen erst zu der Superfigur gemacht, als die er den Christen gilt? Das kann man natürlich so sehen. Aber ich stelle mir das so vor: Die Evolution hat sich in allmählichen Schüben vollzogen – zuerst das Anorganische, dann das Aufkeimen des Organischen, nach langem taucht der Mensch auf. Mit dem Menschen kommt die Schöpfung ihrem inneren Ziel schon näher. Mit der etwa im 7. vorchristlichen Jahrhundert beginnenden Entwicklungsstufe, die der Philosoph Karl Jaspers als „Achsenzeit“ bezeichnet hat, kommt es zu einer neuen Selbstwahrnehmung des Menschen – Buddha, Laotse, Jesaja, Plato und auch schließlich Jesus aus Nazareth. Wie im Auftauchen (Wissenschaftler sprechen von „Emergenz“) des Menschen die Natur in ein neues Stadium getreten ist, so kann mit der Achsenzeit die Menschheit in ein neues Stadium getreten sein, und insbesondere mit der Gestalt Jesu kann die Menschheit auf einen Weg gewiesen sein, der sie ihrem Ziel näher bringt. Hier mache ich eine kleine Anleihe bei Gerd Theißen, der sagt, mit Jesus und dem von ihm vertretenen Prinzip, nämlich lieber zu leiden als die Ellenbogen zu gebrauchen und sich mit Gewalt durchzusetzen, könnte der auf Selbstdurchsetzung angelegten Menschheit ein Hemmschuh eingebaut sein, dass sie sich nicht selbst zerstört.

 

Warum aber gerade Jesus und nicht Buddha oder Muhammad? Da gibt es eine Reihe von vernünftigen Gründen. Dass die Menschen nicht schlecht fahren würden, wenn sie sich zB auf die Bergpredigt einließen, dürfte nicht schwer zu begründen sein. Aber – generalisierend gesagt – Buddha plädiert für Disengagement, Muhammad für Überengagement. Jesus von Nazareth weist den Weg eines verantwortlichen Sich Engagierens, das sich nicht übernimmt und das sich nicht heraushält. Zu den Erfahrungen auf diesem Weg hinter Jesus her gehört, dass er seine eigene Dynamik frei setzt und, wenn etwas schief geht, doch weiterführt.

 

Und die Auferstehung spielt dabei keine Rolle? Die Vorstellung von Wundern, die Jesus getan haben soll, oder von seiner Auferstehung dürfte heute eher viele Menschen davon abhalten, sich auf ihn einzulassen! Deswegen muss gerade an dieser Stelle mit falschen Vorstellungen aufgeräumt werden. Die Frage nach Wundern ist zu eng gestellt, wenn man nur an Hokuspokus denkt. Es gibt auch in der Gegenwart Dinge, die als ein Wunder erlebt werden. So er ging es den ersten Glaubenden mit Jesus aus Nazareth. Von einem Wunder spricht man, wenn man etwas so nicht erwartet hätte – zum Beispiel eine Heilung. Oder wenn einem etwas bis dahin Unerklärliches plötzlich klar wird – dem Wissenschaftler zum Beispiel beim Blick durchs Mikroskop. Die Rede vom Wunder – es ist ja bemerkenswert, dass es dieses Wort überhaupt gibt – hält die Augen offen für das Mögliche, für das Unglaubliche. Mit der Auferstehung verhält es sich noch einmal anders. Sie ist als Vorgang im Neuen Testament nicht beschrieben. Es wird nur berichtet, wie der Auferstandene Menschen begegnet ist. Darum glaube ich nicht an einen bestimmten Vorgang von Auferstehung, der sich beschreiben ließe, sondern an den Auferstandenen. Das Grab war voll, verkündet Gerd Lüdemann triumphierend, aber mir liegt daran nicht viel; denn wäre da vor 2000 Jahren ein Mensch mirakelhafterweise wieder lebendig geworden und dann verschwunden, würde mir das denkbar wenig helfen. Was mich aber beschäftigt, das ist, dass die Nähe des Auferstandenen zu spüren ist, dass sein Geist Menschen erfassen kann, dass er Menschen zusammenbringen, trösten, zu einem Lebensstil motivieren kann, der sich für die Welt positiv auswirkt – und das auch heute, nach über 20 Jahrhunderten.

 

Muss man dann nichts von alledem für wahr halten, was in der Bibel steht? Geht es da nur um Geist und um Spüren? Gibt sich da das Christentum nicht selbst auf, wird zu einer fundamentalistischen Sekte? Das glaube ich nicht. Denn es geht ja nicht um das Spüren von irgendetwas, sondern um den Geist Jesu, wie er aus den alten Texten derer spricht, die Jesus selber erlebt haben oder jedenfalls nahe dran waren. Sie haben das für sie Unfassbare in einer Sprache ausgedrückt, die uns in manchem märchenhaft vorkommt. Aber wir brauchen auch die märchenhafte Sprache, um nicht in unserem platten Alltags-Slang unterzugehen. Wir brauchen die Sprache der Poesie und der Lyrik, und manche Wahrheit – schon, wenn es um die Liebe geht – lässt sich gar nicht anders zum Ausdruck bringen.

 

Aber vieles in der Bibel ist auch gar nicht märchenhaft und liebevoll, z. B. wenn sie von Hölle und Verdammnis redet. Mit welchem Recht lässt die Kirche das heute in ihrer Verkündigung weg und statt dessen jeden in den Himmel kommen? Mich wundert schon lang, wieso sich Atheisten und Kirchenkritiker so sehr für die Hölle interessieren. Erstens ist es ein Irrtum, so zu tun, als bestünde das Zentrum der biblischen Botschaft in dem Satz: „Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt.“ Diesen Satz gibt es, und es ist auch etwas dran: Man kann sein Leben vermasseln. Es gibt die Möglichkeit, am eigenen Leben vorbei zu leben und dabei noch andere um ihre Lebens-Chancen zu bringen. Die Kirche sollte das ruhig deutlicher sagen. Aber was die Schreiber des Neuen Testaments, sofern sie überhaupt davon reden, vor diesem Hintergrund eigentlich sagen wollen, ist doch: Es gibt ein Gelingen des Lebens trotz Unglück und Versagen und scheinbarem Scheitern, und dieses Leben besteht darin, dass ich mich zu vertrauen getraue, in diesem Vertrauen mein Ego überwinde und riskiere, etwas Liebevolles zu tun, und eine Hoffnung in mir aufkommen lasse, die sich durch rationalistische Besserwisserei nicht bremsen lässt.

 

Nur fragt man sich, wieso diese schönen Aussichten von so wenigen Menschen als hilfreich empfunden werden. Die Leute treten aus den Kirchen aus, und speziell in den ehemals evangelischen Gebieten ist die Säkularisation am stärksten. Das ist eine Frage, die mich auch beschäftigt. Es gibt da sicher ein Bündel von Gründen, die nicht alle mit der Religion zu tun haben. Vielleicht erleben wir zur Zeit – angesichts von Hochtechnisierung, Informationsgesellschaft und Globalisierung einen Schub in der Geschichte der Menschheit oder gar der Evolution, der natürlich auch auf die Religion sich auswirken wird. Ich könnte mir denken, dass deswegen der christliche Glaube sich von der Religion unabhängig machen muss. Christlicher Gaube besteht doch nicht darin, dass Glocken läuten und Kerzen angezündet werden, sondern darin, dass Menschen sich auf den Weg Jesu einlassen und dabei trotz allem ihres Lebens froh werden und dass sie, soweit das eben möglich ist, auch anderen Menschen helfen, froh zu werden – wie das vor Jahrhunderten schon unsere Heilige Elisabeth ausgedrückt hat. Für das Christentum braucht es einen neuen Lebensstil, zu dem die Auseinandersetzung mit der Tradition, mit der Bibel, natürlich gehören wird. Aber es gibt ein Vertrauen, Lieben und Hoffen, das den Kirchgang und die Religion weit hinter sich lässt. Vielleicht sind die säkularisierten Gebiete der Welt an der Spitze der religionsgeschichtlichen Entwicklung, weil in ihnen sich wieder herausschält, worauf es im Glauben und Leben ankommt.

 

Was hieße dann „authentisch glauben“? Authentischer Glaube wird sich nicht kritiklos religiösen Traditionen überlassen. Er wird versuchen, die oberflächliche Gestalt von „Religion“ zu durchstoßen. Er hat keine Mühe, sich auf die Auseinandersetzung mit allen einzulassen, die interessiert sein könnten, ob es sich um Buddhisten, Muslime oder Atheisten handelt. Er wird sich nicht von religiösen Erfahrungen abhängig machen, die sich vielleicht leicht psychologisch erklären lassen. Er lebt nicht von Argumenten, weil er sich selbst als tragend erweist, – weil er einfach „stimmt“. Er ist dabei lernfähig und bereit zu Konsequenzen, z. B. im Bereich von Lebensstil und Finanzen. Inmitten einer Gruppe von ähnlich Engagierten lassen sich Glaubende in die Dynamik hineinziehen, die aus dem Kontakt mit Gottes Wort erwächst.

 

Prof. Dr. Hans-Martin Barth

Erschienen in: Kirche in Marburg, Juni 2012, 4-6