Dogmenwahn?


Rezension: Heinz-Werner Kubitza, Der Dogmenwahn. Scheinprobleme der Theologie. Holzwege einer angemaßten Wissenschaft, Marburg 2015, 393 S.

Dieses Buch hat viel Arbeit gemacht. Trotzdem ist es ein langweiliges Buch geworden. Hier wird nichts erfragt. Vielmehr steht von Anfang an fest, was am Ende herauskommen soll: „Die Theologie ist eigentlich ein Kuriosum an modernen Universitäten“ (13); theologische Fakultäten „beschädigen (…) den Wissenschaftsanspruch der Universität“ (42). „Unser Gemeinwesen leistet sich (…) an staatlichen Universitäten gelehrte Mythologie (…).“ Für ca. 280 Millionen Euro jährlich! (377; ähnlich bereits 42). Es verwundert nach diesen Erkenntnissen, dass der Verfasser an seinem Titel „Dr. theol.“ festhält.

Das eigentliche Kuriosum aber ist Gott. Um sein Ziel zu erreichen, legt der Autor eine Art Anti-Dogmatik vor, wozu er die dogmatischen Entwürfe u. a. von W. Trillhaas, W. Joest, Chr. Frey, G. Schneider-Flume, W. Härle und H.-M. Barth (vor allem der beiden letzteren) in zahlreichen Einzelzitaten auswertet. Der Aufbau entspricht im Großen und Ganzen der klassischen Dogmatik. Allenthalben wird die Unhaltbarkeit und Widersprüchlichkeit der christlichen (evangelischen) Dogmatik dargetan, wobei oft allein die Darstellung der „Absurdidäten“ die Argumentation ersetzen soll. Die Bibel erliege der „Vergötzung“ (91ff). In der Gotteslehre werde Jahwe als „ein orientalischer Gott der Spätbronzezeit“ präsentiert, zudem „war“ Jahwe „noch Polytheist“ (sic!; 139ff). „Jesus war ein Irrender.“ (336) Ein Apokalyptiker, Partikularist und Extremist – aber „Theologen sprechen von Jesus wie Pubertierende von ihrer ersten Liebe.“ (286) Der Heilige Geist – das „Gespenst der Theologie“ (213ff). So ergibt sich allenthalben, dass die Dogmatiker „Scheinprobleme“ diskutieren, die aus ihren falschen Grundannahmen folgen (Absolutheit des Christentums, 69f; Theodizee, 193ff). Allerdings „Außerirdische“ fehlen in den Dogmatiken; das Problem einer „Alienwerdung Gottes“ wird nicht verhandelt (253-257). Die Theologie hat in Wahrheit gar keinen „Gegenstand“ (28), das Ganze ist eine „Luftnummer“ (367), wenn nicht „Religiotie“ (196). Dabei wüssten es die Dogmatiker besser; denken können manche schon (besonders W. Härle), aber sie sind entweder Opportunisten oder gutgläubige Traditionalisten, beides gleich schlimm. Sie fahren „zweigleisig“ (100). Besonders deutlich zeige sich das am Umgang mit dem historischen Jesus und der entsprechenden Forschungslage: „Man will eher nicht wissen, wer er (sc. Jesus) wirklich war (und noch mehr: wer er nicht war).“ (329) In einem fast 8-seitigen Schema wird das defizitär-absurde christliche Menschenbild dem säkular-humanistischen gegenüber gestellt ((299-306); das Schema kann auch als Zusammenfassung des Buches gelesen werden.

Der Autor lässt sich an vielen Stellen seines Buches über den Glauben aus (der seiner Meinung nach grundsätzlich „Aberglaube“ ist und nur aus Rücksicht auf die Gläubigen von ihm nicht durchweg als solcher bezeichnet wird, 134). „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ (71) „Gläubige sind zum Irren verdammt.“ (44) Der Autor hat keine Ahnung, was Glaube für Glaubende ist. Er versteht das Christentum als eine abstruse, in sich widersprüchliche Weltanschauung. Ein Gespür für die innere Kraft, mit der der Glaube einen Menschen erfasst und bis ins Kleinste hinein bestimmen und erfüllen kann, scheint ihm gänzlich abzugehen. Nicht von ungefähr lässt er die gesamte Ekklesiologie in seiner Darstellung weg; vielleicht hätte er von dieser Kraft wenigstens hier etwas ahnen können.

Der Verfasser stellt sich keine Fragen. Außer einer Notiz, dass sich das Irrationale wohl doch „nicht gänzlich verbannen“ lasse (89), konnte ich keine Spuren von Selbstkritik entdecken. Vieles wird in ironischem Ton kommentiert oder vorgetragen; manchmal gibt es auch tatsächlich etwas zum Lachen. Doch hat der Autor seinem Anliegen durch diese Satire keinen Gefallen getan. Mitunter unterschreitet er deutlich sein Niveau. Er fragt: „Warum offenbart sich Gott (…) so schüchtern, so zurückhaltend (…)? (…) Warum verwandelt er nicht den Petersdom zum Entzücken der Gläubigen (sc. und zum Beweis für H.-W. Kubitza?) in pures Gold oder Marzipan?“ (60; weitere Beispiele ebd. sowie: MCC 121, Lottozahlen 219, Bellen 221).

Einen „Dogmenwahn“ können Dogmatiker durchaus auch ihren Kritikern vorhalten. Doch macht es wohl keinen Sinn, wenn Christen und Nichtchristen einander „Wahn“ und die „Schere im Kopf“ vorwerfen. Was am Ende zählt, ist allein der Beweis des Geistes und der Kraft.

An einigen Stellen hatte ich den Eindruck, der Autor wolle am Christentum noch etwas retten. Er bedauert, dass es sich auf der schiefen Ebene befinde „in Richtung auf (noch mehr) religiösen Irrationalismus“ (218), und er beanstandet mehrfach die „harmlose(n) EKD-Gottheit“ (86).

Ein paar Punkte habe ich mir angemerkt, die ich an seiner Kritik ernst nehmen will. Verwendet die – z. B. meine – Dogmatik den Heiligen Geist als Alibi-Argument? (34) Ist Religion „ohne Wahrheitsanspruch denkbar und lebbar“? (69) Wird die exegetische Forschung und damit die Stimme Jesu in der Dogmatik notorisch überhört? Vor allem scheint mir für künftige Dogmatik wichtig: Sie muss in ausgesprochener Selbstbescheidung zu erkennen geben, dass sie nur ein immer wieder revisionsbedürftiges Hilfsmittel zur Selbstverständigung der Kirche darstellt, dass sie aber als solche eine spirituelle, therapeutische Aufgabe hat. Inmitten und unter Mithilfe ihrer Denkversuche kann sich der Glaube formieren, der von ihren eigenen zeitbedingten Aussagen unabhängig macht und in aller irdischen Begrenztheit (1 Kor 13,11) durch Leben und Sterben hindurch trägt.

Hans-Martin Barth

 

Erschienen in: Materialdienst EZW 78 (2015), 316-318