500 Jahre Protestantismus – alternativ und anschlussfähig


 Alternativ und anschlussfähig. 500 Jahre Jahre Protestantismus

 

„Der Protestantismus glaubt nicht an sich selbst“, sagt mir die Mitarbeiterin einer großen deutschen Wochenzeitung. „Soll er auch nicht“, antwortet der protestantische Christ und Theologe. Aber zugeben muss er, dass sich der Protestantismus zur Zeit nicht in bester Verfassung befindet. Allerdings lohnt es, wie kürzlich beim Begegnungstreffen osteuropäischer Protestanten in Breslau vorgeschlagen wurde, die Rolle der evangelischen Kirche 1914 und 1939 mit der im Jahr 1989 zu vergleichen: Dabei zeigt sich doch ein erstaunlich positives Bild. Mit Recht gibt sich der zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 von der EKD vorgelegte „Grundlagentext“ selbstbewusst, freilich ohne eine dem Protestantismus wohl anstehende Selbstkritik und ökumenische Sensibilität erkennen zu lassen.

Die bisherigen Initiativen im Blick auf 2017 waren weithin auf Martin Luther konzentriert; der „Grundlagentext“ versucht, auch andere Reformatoren einzubeziehen. Es genügt aber zweifellos nicht, Luther als „kraftvolle Symbolfigur“ (18) zu präsentieren und seinen „starken Auftritt“ in Worms der neuzeitlichen „Freiheitsgeschichte“ zuzuordnen. Schon die Fixierung auf 1517 bedeutet eine Engführung. Der Protestantismus sollte sich in seiner Gesamtgeschichte neu wahrnehmen. Nicht nur seine Anfänge sind wichtig, die ohnehin nicht im 16. Jahrhundert allein liegen, sondern seine gesamte Entwicklung in den letzten fünf Jahrhunderten bedarf der Würdigung. Protestanten sollten sich nicht nur an Luther erinnern, sondern sich vor Augen führen, in was für eine geistlich und geistig überreiche Geschichte sie hineingehören. Sie sollten aus Anlass des Jubiläums an die Dichter ihrer Choräle denken, an die Leiden ihrer Exulanten und Märtyrer, an die vorwärts weisenden Ideen der frommen Aufklärer, an die großen liberalen Theologen des 19. Jahrhunderts, an die Gründungsväter und –mütter der Inneren Mission und der Diakonie. Der Protestantismus bedarf einer neuen Selbstwahrnehmung – in seiner heute weltweiten Vielfalt, in seinen inspirierenden Vertretern und Vertreterinnen wie Albert Schweitzer, Dag Hammarskjöld, Martin Luther King oder Dorothee Sölle, in seinen religiösen und säkularen Leistungen von der Kirchenmusik bis zum Roten Kreuz und der Raiffeisenkasse.

Das Reformationsjubiläum bietet dem Protestantismus die Gelegenheit, sich in seiner Anschlussfähigkeit und – mehr noch – als Alternative neu zu wahrzunehmen. Mit seinem Wissen um innere Unabhängigkeit und persönliche Verantwortlichkeit ist er anschlussfähig für eine Gesellschaft, die des individuellen und gemeinsamen Engagements für Gerechtigkeit und Frieden dringend bedarf. Er ist aber vor allem als Alternative neu zu entdecken! Als Alternative zu römischem Katholizismus und Orthodoxie stellt er einen eigenen Typus des Christseins dar. Mit seiner radikalen Orientierung am biblischen Zeugnis, seinem Ansatz beim allgemeinen Priestertum der Glaubenden wie auch mit seiner Wertschätzung reformbereiter Flexibilität und legitimer Pluralität hat er eine eigene und besondere Mission, den christlichen Glauben zu vertreten und zu vermitteln. Im freien Dialog mit den Weltreligionen erkennt er sich als alternativ zu beliebiger Religiosität wie auch zu religiösen Überzeugungen, die auf die Eigenmächtigkeit und Selbstbestätigung des Menschen setzen. Als eine aus dem Evangelium seine Kraft schöpfende und zugleich entschieden der Welt zugewandte Haltung ist der Protestantismus zudem eine klare und einladende Alternative zu religiösem Desinteresse, Areligiosität und säkularem Humanismus.

In seiner Anschlussfähigkeit an die Gegenwart wie in seiner besonderen Mission wird der Protestantismus erkennbar als das, was er ist: eine Bewegung, die sich nicht sich selbst verdankt und deren spirituelles und intellektuelles Potenzial einer künftigen, sich global organisierenden Menschheit zur Verfügung steht.

 

Hans-Martin Barth

Erschienen in: Evangelische Orientierung 3/2014, 10.