Schalom Ben-Chorin


Schalom Ben-Chorin – Zeuge der Friedensfähigkeit des Judentums

 

Ich habe es gern übernommen, heute die Friedensstimme des Judentums an einem Beispiel zum Klingen zu bringen, zumal ich mich mit dem Mann, um den es gehen soll, seit Jahrzehnten immer wieder beschäftigt habe, und zumal auch er sich – wenigstens kurz – mit mir beschäftigt hat: Er hat mir zu einer meiner frühen Publikationen (über den Teufel!) ein kleines humorvolles Gesicht gemacht.  Vielleich gehören ohnehin Humor und Friedensfähigkeit zusammen! Es geht um Schalom Ben-Chorin, und um als Christ wirklich nichts Falsches zu sagen, habe ich Frau Bunk und Herrn Orbach noch einmal gebeten, meinen Beitrag Korrektur zu lesen.

 

Schalom Ben-Chorin ist 1913 in München geboren – als Fritz Rosenthal, hat in München Germanistik und vergleichende Religionswissenschaft studiert, wurde gleich Anfang April 1933 (und dann noch mehrfach)  verhaftet und im Gefängnis misshandelt. 1935 wanderte er nach Jerusalem aus, wo er 1948 eine Reformgemeinde gründete. Er arbeitete als Journalist und Schriftsteller, schließlich auch als Professor. Nach dem Krieg kam er wiederholt nach Deutschland zurück. Jahrzehnte lang hat er sich für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt, u.a. als Professor in Tübingen und München und auf evangelischen Kirchentagen. Er ist 1999 in Jerusalem gestorben. Seinen ursprünglichen Namen Fritz hat er kühn mit Schalom – Friede – ins Hebräische übersetzt. Ben-Chorin wird mit „Sohn der Freiheit“ wiedergegeben. Man kann sich zwischendurch überlegen, wenn man sich selbst einen neuen Namen zu geben hätte, was würde einem – bei aller Freiheit der Fantasie – dazu einfallen? Für Ben-Chorin passt sein Name. Ein Buch über ihn hat den schwungvollen Titel: „Der Mann, der Friede heißt“.

Ben-Chorin hat seinen friedensstiftenden Beitrag in Form von vielen literarischen Zeugnissen zum Ausdruck gebracht. Ich nenne hier nur seine Trilogie „Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht“, 1967, „Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht“, 1969, und „Mutter Mirjam. Maria in jüdischer Sicht“, 1971.  Es ist erstaunlich genug, dass nach den eigenen schlimmen Erlebnissen im NS-Polizeigefängnis und nach den schrecklichen Vorgängen in den KZ’s ein jüdischer Autor sich mit christlichen Themen befasst und noch dazu auf Deutsch publiziert. Aufschlussreich – neben zahlreichen Publikationen zu innerjüdischen Problemen – finde ich auch sein Buch „Ich lebe in Jerusalem. Ein Bekenntnis zu Geschichte und Gegenwart“, 1979.

Was ihn bewegt und wie er meint, zum Frieden zwischen den Religionen beitragen zu können, ist vor allem den Nachworten seiner Publikationen zu entnehmen. Ich greife dazu eine Reihe von Gesichtspunkten heraus.

 

1) Den anderen verstehen zu wollen, bedeutet zunächst einmal, sich aus der Umklammerung durch das eigene Milieu frei zu machen. Geh aus deinem Land, deinem Vaterhaus (Gen 12,1) – das ist der klassische Weg des Glaubens (Jer 103).  Das ist schwerer, als man denkt, denn es heißt ja, dass man eigene und fremde Tabus berühren wird. Das aber muss man riskieren, wenn es einem um den Frieden zwischen unterschiedlichen Religionen geht (J 233). Man dürfe sich keine Illusion über den Partner machen. Wie aber kann man ihn verstehen? Dazu gibt Ben-Chorin weitere Ratschläge:

 

2) Man musss philologisch und psychologisch dieselbe Sprache sprechen. Das war für Ben-Chorin, der zwischen Christen aufgewachsen war, vergleichsweise leicht (Jer 130). Inwieweit das heute für in Deutschland aufgewachsene Muslime zutrifft, kann ich nicht beurteilen.

Oft helfe es aber auch, das was dem anderen wichtig ist, in die eigene Sprache sozusagen zurückzuübersetzen. Ben-Chorin hat bestimmte Aussagen des Neuen Testaments ins Hebräische zurückübersetzt und auf diese Weise manche Gemeinsamkeit entdecken können (Mir 160).

 

3) Unerlässlich sei bei alledem „ein gewisses Maß an Intuition“ (Mir 160). Sie helfe beim Versuch des „Brückenschlags“. Sich in den anderen hineinversetzen, ohne das wird man den Partner nicht verstehen können. Wir würden heute vielleicht eher von „Empathie“ sprechen, mit dem anderen fühlen, intuitiv erfassen, worin seine Hoffnungen und seine Ängste bestehen. Nur so kann man den „Wurzelgrund“, wie Ben Chorin sagt, des anderen erfassen (J 235), erfassen, wo die Quellen seiner tiefsten Überzeugung liegen, wovon letztlich er lebt.

 

4) Das Allerheiligste einer anderen Religion bleibe einem freilich verborgen. Er maße sich nicht an, schreibt Ben-Chorin, „in das Allerheiligste des christlichen Mysteriums vorzudringen“ (Mir 160). Das dürfe auch nicht sein. Das Allerheiligste wird  – frei nach Buber – „in der dialogischen Situation von Ich und Du erlebt“, „in der Begegnung des menschlichen Ich mit dem göttlichen Du“ (Mir 160). Das scheint mir ein ganz wichtiger Hinweis: Mein anders denkender, anders glaubender Partner hat ein innserstes Geheimnis, eine innerste Beziehung zu dem, was ihm die letzte Instanz, was ihm Gott, das Göttliche ist. Ich soll mich nicht schrecken lassen durch die äußeren Formen einer mir fremden Religiosität. Ich versuche mir lieber klar zu machen, wie es meinem Partner wohl ergeht, wenn er betend vor seinem Gott steht, wenn er in der Meditation einem Umfassenden begegnet, wenn er schweigend und ohne alle religiöse Einkleidung seiner Endlichkeit, seines Sterben-Müssens gewahr wird.

 

Im Respekt vor diesem letzten Geheimnis hat Ben Chorin wohl die Freiheit gewonnen – der „Sohn der Freiheit“ – , Differenzen anzuerkennen und klar zu benennen.  In seinem Jesus-Buch schreibt er: „Der fragende Jesus ist unser Bruder, nicht der erhöhte Christus, der den menschlichen Bereich mit den Höhen und Tiefen des Mythos vertauscht hat“ (J 139). Sachgemäß hat der Verlag, den von Ben-Chorin vorgegebenen Titel des Buchs verändert: „Bruder Jesus. Mensch – nicht Messias.“ Besonders im Paulus-Buch treten die Differenzen stark zutage. Aber raubt ihm das etwas von seiner Größe? Keineswegs: „Wer aus Liebe irrt – bleibt. Noch sein Irrtum adelt ihn.“ (Pls 19).  Immer habe man im Judentum gewusst, dass es zu Gott „viele Zugänge“ gibt, zunächst einmal innerjüdisch geurteilt.

 

Ben-Chorin kann diese Sicht erweitern. Er kann unter diesem Aspekt auch den Islam in den Blick nehmen:  „Kirchtürme und Minarette weisen in einen gemeinsamen Himmel“ (Jer  65). Natürlich ist für ihn Jerusalem die „Hauptstadt der Menschen guten Willens“, aber er fügt an: „ die auf sehr verschiedene Weise am Reich Gottes bauen“ (Jer 200).  So träumt er „vom großen ökumenischen Konzil der Juden., Christen und Moslems zur Erneuerung des Abrahamsbundes“ – und es sei ihm als dem Juden konzediert, dass er dieses Konzil im Geist in die Höhle Machpela in Hebron verlegt. Er spricht in Anlehnung an einen evangelischen Theologen von einem „dritten Gottesvolk“, in dem die Menschen in der Haltung des Dialogs vorbehaltlos einander begegnen (Pls 197). Ben-Chrorin lädt in gewisser Weise immer seine Leserinnen und Leser dazu ein, sich zu beteiligen an dem „ewigen Gespräch über das Ewige „ (Pls 199). In diesem Sinn verstehe ich die Zeilen eines Lieds, das er angesichts der schrecklichen Nachrichten aus Nazi-Deutschland 1942 gedichtet hat und das im Evangelischen Gesangbuch unserer kurhessischen Evangelischen Kirche steht:

 

„Freunde, dass der Mandelzweig

Wieder blüht und treibt,

Ist das nicht ein Fingerzeig,

Dass die Liebe bleibt?

 

Dass das Leben nicht verging,

So viel Blut auch schreit,

Achtet dieses nicht gering,

In der trübsten Zeit.

 

Tausende zerstampft der Krieg,

Eine Welt vergeht,

Doch des Lebens Blütensieg

Leicht im Winde weht.

 

Freunde, dass der Mandelzweig

Sich in Blüten wiegt,

bleibe uns ein Fingerzeig,

wie das Leben siegt.“

 

Hans-Martin Barth

 

(Die Seitenangaben beziehen sich auf die jeweiligen TB-Ausgaben)